Der Ursprung und sein Echo : Was die Erforschung des Urknalls lehrt

Man muss kein Experte sein, um den Schnappschuss von der Geburtsstunde des Alls atemberaubend zu finden. Der Big Bang kommt schon für sich genommen einem Schöpfungsakt gleich, einer Schaffung aus dem Nichts. Ist mit den neuen Ergebnissen auch Gott überflüssig geworden?

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So könnte die "Inflation" des Kosmos nach dem Urknall ausgesehen haben - Forscher haben nun Signale zur Ausbreitung aufgezeichnet
So könnte die "Inflation" des Kosmos nach dem Urknall ausgesehen haben - Forscher haben nun Signale zur Ausbreitung aufgezeichnetFoto: dpa

Es geschieht nicht jeden Tag, dass du aufwachst und erfährst, was im Milliardstel Teil von einem Milliardstel einer Milliardstel Sekunde nach dem Urknall geschah“, schwärmte der Kosmologe Marc Kamionkowski von der Johns-Hopkins-Universität Baltimore im Magazin „Science“. Es ist nicht verwunderlich, dass Astronomen überall auf der Welt aus dem Häuschen sind, seit amerikanische Forscher berichteten, in ihren am Südpol erfolgten Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung ein Echo des Urknalls vernommen zu haben.

Die Physiker haben sich bis auf den winzigen Bruchteil einer Sekunde an den „Big Bang“ herangetastet, den Entstehungsmoment des Universums. Die Ergebnisse der Wissenschaftler vom Harvard-Smithsonian-Zentrum für Astrophysik – vorausgesetzt, sie werden bestätigt – sind nicht nur ein indirekter Nachweis für die von Albert Einstein vor 100 Jahren vorausgesagten Gravitationswellen. Sie belegen auch die vor 35 Jahren von dem Amerikaner Alan Guth begründete Inflationstheorie. Die besagt, dass sich das Universum im Bruchteil einer Sekunde nach dem Urknall rasant (weit schneller als Licht) ausdehnte. Während dieser Phase entstanden die Gravitationswellen, deren Spuren nun, 14 Milliarden Jahre später, in der Hintergrundstrahlung zutage traten.

Man muss kein Experte sein, um den Schnappschuss von der Geburtsstunde des Alls atemberaubend zu finden. Näher an den Ursprung werden wir nicht herankommen. Die frühe Inflation hat alle Spuren dessen getilgt, was vorher war, sagt Alan Guth. Ist mit den neuen Ergebnissen auch Gott überflüssig geworden, der Schöpfer des Himmels und der Erde, jetzt, da die erste Sekunde des Universums wissenschaftlich aufgeklärt ist? Wer so argumentiert, reduziert Gott auf eine Lückenbüßerexistenz. Er kommt nur noch dann ins Spiel, wenn die Naturwissenschaft etwas noch nicht erklären kann. Damit wird seine Rolle von Tag zu Tag kleiner.

Viele Theologen lehnen diese Annahme daher ab. Zumal man sich fragen kann, welche Rolle ein Gott in der Welt spielt, der lediglich in der ersten Sekunde die Bühne betritt, um den Kosmos auf den Weg zu bringen. Wie ein Schiedsrichter, der ein Spiel anpfeift, um dann das Feld achselzuckend zu verlassen. Aus theologischer Sicht ist die Urknalltheorie von der Entstehung des Universums verlockend, auch ohne direkten Beleg für eine göttliche Hand im Geschehen. Der Big Bang kommt schon für sich genommen einem Schöpfungsakt gleich, einer Schaffung aus dem Nichts. Die Macht dazu hat nur Gott, der erste Beweger.

Zumindest auf den ersten Blick kann es so aussehen, als ob die Physik mit dem Urknall den Schöpfungsmythen der Menschheit nur eine weitere Version hinzugefügt hat. Aber eben nur auf den ersten Blick. Die physikalisch-mathematischen Modelle der Kosmologen von der Entstehung und Entwicklung des Weltalls mögen sich mit unseren Alltagsbegriffen vage beschreiben lassen. Doch von einem wirklichen Verstehen ist man damit weit entfernt. Etwa die Aussage „Das Universum wurde aus dem Nichts erschaffen“: Nicht einmal Physiker sind sich genau im Klaren darüber, wie sie „Universum“, „Nichts“ und „erschaffen“ exakt definieren können, sagt der Kosmologe Sean Carroll vom California Institute of Technology.

Die Realität kann phantastischer sein als jeder Schöpfungsmythos

Ein physikalisches „Nichts“ etwa, aus dem durch Quantenflimmern ein Universum entsteht, kann durchaus den Keim von „Etwas“ in sich tragen. Auch wenn das sprachlich widersinnig erscheint. In ähnlich unwegsames Gelände gerät man, wenn man die nahe liegende Frage stellt, was vor dem Urknall war. Carroll weist darauf hin, dass unser Zeitverständnis hier an Grenzen stößt. Wir versuchen, Ereignisse von früheren Ereignissen abzuleiten. Selbst dann, wenn ein Ereignis das erste überhaupt war, der Tag ohne Gestern.

Unter den Theoretikern ist jedoch nicht entschieden, ob das Universum einen Anfang hat oder ewig währt. Da gibt es „hüpfende“ Kosmologien, in denen ein großer Kollaps („Big Crunch“) in den Urknall mündet. Oder „zyklische“ Kosmologien, in denen eine unendliche Zahl von Zeiträumen durch „Urknalle“ getrennt ist. Oder die Idee des Multiversums, einer endlosen Zahl von Universen, die entstehen wie Blasen in sprudelnd kochendem Wasser. Die Realität kann phantastischer sein als jeder Schöpfungsmythos.

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