Meinung : Der Visionär wird realistisch

Der Fall Somalia zeigt, dass auch Barack Obama einen pragmatischen Umgang mit Afrika pflegt. Es ist offen, ob ihm die amerikanischen Öffentlichkeit das durchgehen lässt

Dagmar Dehmer

Hillary Clinton hat am Donnerstag einen Mann getroffen, den die USA noch vor drei Jahren als Terroristen gebrandmarkt haben. Die US-Außenministerin hat aber auch keine andere Wahl. Im Januar ist Scheich Sharif Ahmed zum 15. Übergangspräsidenten seit dem Zusammenbruch Somalias 1991 gewählt worden. Das noch größere Wunder als sein Zusammentreffen mit Clinton ist, dass er überhaupt noch lebt.

In seiner kurzen Amtszeit hat Scheich Sharif Ahmed schon unzählige Attentate überstanden. Dabei hat er eigentlich alles richtig gemacht. Er hat eine Regierung gebildet, an der alle somalischen Clans und Strömungen beteiligt sind, bis auf die islamistischen Fundamentalisten, die sich partout nicht einbinden lassen wollen. Er selbst war 2006 Chef der Islamischen Gerichtshöfe, die damals im halben Land die Macht übernommen hatten und den Somalis etwas boten, was sie seit vielen Jahren nicht mehr kannten: Frieden und rudimentäre Formen von Rechtsstaatlichkeit. Doch die Islamischen Gerichtshöfe galten dem Westen als Hort von Terroristen. Deshalb unterstützte der frühere US-Präsident George W. Bush Äthiopien aktiv, das zu Weihnachten 2006 in Somalia einmarschierte. Daraufhin wurden viele Angehörige der Islamischen Gerichtshöfe genau das, was ihnen die USA immer vorgeworfen hatten: islamistische Kämpfer, einige sogar Terroristen.

Scheich Sharif Ahmed hat kaum eine Chance. Seine Truppen haben nur über einige Teile der Hauptstadt Mogadischu das Kommando. Daran haben auch 40 Tonnen Waffen und 150 Millionen Dollar Hilfen aus den USA nichts geändert. Der Rest des Landes wird von islamistischen Kämpfern der Al Shabbab und deren Verbündeten der Hisbul Islam terrorisiert.

Den USA geht es um zwei Dinge: die Piraterie vor der Küste und das von ihnen behauptete Risiko, dass Somalia zu einem Terrornest für Al Qaida werden könnte. Die USA sind überzeugt, dass es diese Verbindung längst gibt. Clinton versprach großzügige Hilfe für die bedrängte Übergangsregierung. Allerdings eint diese westliche Unterstützung die islamistischen Kämpfer gegen den „Feind“. Ohne diese Hilfe würden die Clanloyalitäten auch Al Shabbab ziemlich schnell in einen zerstrittenen, ineffizienten Haufen verwandeln. Andererseits kommen täglich mehrere tausend somalische Flüchtlinge in Kenia an. Die Nachbarn leiden unter der Dauerkrise.

Der Fall Somalia zeigt, wie schwer es für den amerikanischen Präsidenten Barack Obama werden wird, seine demokratischen Prinzipien hochzuhalten, wenn er in der harten afrikanischen Realität aufschlägt. Clinton sagte in Nairobi, sie arbeite für einen Präsidenten, der an die Hoffnung glaube. Doch was heißt das im Umgang mit hässlichen autokratischen Regimen wie in Äthiopien, wenn es gleichzeitig darum geht, die Region am Horn von Afrika zu stabilisieren? Seinem Vorgänger hat es innenpolitisch nicht geschadet, Demokratie zu predigen und Pragmatismus zu üben. Doch ob die amerikanische Öffentlichkeit Obama dasselbe durchgehen lässt, ist offen.

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