Meinung : Der Westen findet sich

Feste Bande: Der D-Day hat wieder in den Blick gerückt, wofür wir stehen

Malte Lehming

Manchmal, wenn das Leben sich festgerannt zu haben scheint, geschieht etwas Unerwartetes. Das kann eine Krankheit sein, ein Todesfall oder aber eine Eingebung. Plötzlich jedenfalls herrscht Klarheit. Das Wichtige wird vom Unwichtigen geschieden. Viele Sorgen wirken kleinlich. Der Kopf reinigt sich von allen Zwar-Aber-Gedanken. Auch Nationen, selbst Bündnisse erleben solche Momente. Wer sind wir? Was sollen wir tun? Was hält uns zusammen? Auf diese Grundfragen gibt es wieder Antworten. Sie werden oft einfach formuliert. Das ist ihre Stärke.

Der D-Day war ein Sieg für Deutschland. Kurz bevor Gerhard Schröder als erster deutscher Bundeskanzler an den Gedenkfeiern zur Landung der Alliierten in der Normandie teilnahm, schrieb er in der „Bild am Sonntag“: „Heute können wir Deutsche dieses Datums erhobenen Hauptes gedenken. Der Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland." Die erste Reaktion darauf: frivol, anmaßend, geschichtsklitternd. Schröder schlägt sich, weil er dreist und schlussstrichfreudig ist, auf die Seite der Sieger. Dabei waren es doch Deutsche, die das NS-Regime trugen. Um dessen Verbrechen zu beenden, musste Deutschland besiegt werden. Wer das nicht akzeptiert, stiehlt sich aus der historischen Verantwortung.

Wer will, kann den Kanzler derart missverstehen. Der D-Day war ein Sieg für Deutschland. Dieser Satz muss keine Exkulpation beabsichtigen. Stattdessen wollte Schröder die Linie fortschreiben, die der neue Bundespräsident bei seiner Antrittsrede vorgegeben hatte. Stolz, Glück, Liebe: Keines dieser Gefühle muss sich wegen der Vergangenheit verstecken. Ein deutscher Patriot des 21. Jahrhunderts muss den Alliierten dafür dankbar sein, dass sie Deutschland einst von den Nazis befreiten. Das meint Schröder. Diese Einsicht vermindert weder die deutsche Schuld am noch das deutsche Leiden im Krieg. Nicht Deutschland hat am D-Day gesiegt, sondern die Alliierten für Deutschland. Klar, einfach, wahr.

Frankreich war Amerikas erster Freund in der Welt. Das sagte US-Präsident George W. Bush bei den Gedenkfeiern. Jacques Chirac entgegnete: Sein Land werde nie vergessen, was es seinem „Verbündeten seit jeher“ schulde. Nebenbei wurde bekannt, dass Ronald Reagan gestorben war und die neue UN-Resolution zum Irak entscheidungsreif ist. Eins fügt sich zum anderen. An diesem Wochenende besann sich der Westen, der als Bündnis gelegentlich schon abgeschrieben worden war, auf sich selbst. Es war wie bei einer Familie, die sich zu einer Trauerfeier versammelt und feststellt: Unsere Bande sind fester, als wir dachten. Eine innereuropäische und transatlantische Versöhnung wurde eingeleitet. Sie scheint tragfähig zu sein auch über den Anlass hinaus. In der Erinnerung an die Vergangenheit entdeckt der Westen sich gerade neu und ruft: Ich bin wieder wer!

Offenbar bedarf es solcher Augenblicke des Innehaltens, um die Dimensionen der tagesaktuellen Zwistigkeiten nicht überzubewerten. Schon einmal waren Europäer und Amerikaner gespalten. Der Polarisierer hieß Ronald Reagan. Im Widerstand gegen dessen Politik wurde eine ganze Generation sozialisiert. Heute sind wir klüger. Der Eifer verstellt uns nicht mehr den Blick auf die Glanztaten seiner Amtszeit. In Amerika gibt es in diesen Tagen niemanden mehr, der Ronald Reagans immense Errungenschaften in Abrede stellen würde. Sein Tod schweißt die Amerikaner zusammen. Der Wahlkampf ist ausgesetzt.

Zwischen Europa und den USA wiederum ist der Streit über den Irakkrieg suspendiert worden. Die Bush-Regierung bittet die Europäer um Hilfe. Alleine ist sie überfordert. Die Erinnerung an den D-Day fördert das altneue Gemeinschaftsgefühl. Warum sollen wir heute, wo es um das Schicksal einer ganzen Region geht, nachtragend, kleinlich und rechthaberisch sein? Es gibt eine Würde der Erbschaft. Die deutsche Würde gebietet es, sein historisches Erbe nicht zu verleugnen. Europas Würde gebietet es, die Stärke Amerikas zu akzeptieren. Amerikas Würde gebietet es, die Grenzen seiner Macht zu kennen. Das alles drang an diesem Wochenende erneut ins Bewusstsein. Das Leben hatte sich verrannt. Plötzlich herrscht etwas mehr Klarheit.

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