Meinung : Der Westen regiert – trotz Merkel und Platzeck

Aber es gibt neue Hoffnungen für das Ostbewusstsein Von Friedrich Schorlemmer

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Jetzt kostet der Osten nicht nur, er regiert auch noch! Nicht weil sie, nicht obwohl sie eine DDR-Biographie haben, sind Angela Merkel und Matthias Platzeck in ihre Führungsämter gekommen, nicht einmal wegen herausragender Begabung oder charismatischer Ausstrahlung. Zwischen Zufall und dünner Personaldecke der Parteien liegt die Wahrheit. Zugleich ist ihre Wahl ein Signal einkehrender Normalität: Die können’s auch.

Die sind nicht schlechter, ja, das können sie allemal. Die Frage wird sein, wie viel Substanz und wie viel Geschick sie auf Dauer haben und ob sie ins westdeutsche Bewusstsein bringen können, dass die Folgen der Teilung im Ost-West-Clinch noch länger spürbar bleiben, warum viele Ostdeutsche sich immer noch als Deutsche zweiter Klasse fühlen, wieso nur Ostdeutsche ihre Biographie rechtfertigen müssen und warum der Osten noch länger am finanziellen Tropf hängen wird (eben nicht nur wegen der maroden Ausgangslage 1989!).

Sie haben die Chance, klar zu machen, dass die Vereinigung letztlich ein großer Gewinn für uns alle ist, und dass insbesondere die „Siegerarroganz“ von 1989/90 den eigenen Reformstau enorm vergrößert hat: Der Westen hatte sich schlicht in allem bestätigt gesehen und verwies 15 Jahre lang auf die zurückgelassene Ostmisere, ohne eigene Defizite wahrzunehmen und ohne zu begreifen, was es bedeutet, wenn das kreative (jüngere) Potenzial der östlichen Teilgesellschaft weiter massenhaft in den Westen strömt.

Merkel und Platzeck könnten auch ein Signal dafür sein, ostdeutsche Kompetenz künftig stärker abzufordern. Der Osten ist mehr als Kati und Franzi! An westdeutscher Dominanz über ostdeutsche Verhältnisse, an realer Macht wie an Deutungsmacht können Merkel/Platzeck aber nicht hinwegtäuschen. Man zähle nur durch, wer an den Schalthebeln in Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, Kultur, Justiz steht.

Die fürsorgliche Belagerung des Ostens war und ist so „fürsorglich“ wie „belagernd“. Man hat zu wenig darauf gesetzt, einen von Ostlern getragenen, selbsttragenden Aufschwung zu motivieren. Ein defizitäres Selbstbewusstsein setzt jedenfalls zu wenige Kräfte frei. Dafür können die östlichen Parteichefs in der Tat eine Kehrtwende begünstigen, sollten sie es vermögen, ihre persönliche Prägung einzubringen, ohne sie zu instrumentalisieren. Beide haben in einer Krisensituation ihrer Parteien beherzt zugepackt und allen Grund zum aufrechten Gang.

Darlegend, woher „wir“ kommen, haben sie bisher den richtigen Ton gefunden: Merkel bei den Regionalkonferenzen mitten im Spendenskandal, Platzeck in einer unerwartet substanziellen Redekür in Karlsruhe. Sie gehörten beide nicht zum Bürgerrechtlermilieu und sind 1989 eher auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Sie repräsentieren insofern stärker ostdeutsch-angepasste Lebenshaltung als eher rückwärtsgewandte Dissidenten. Sie beide richten den Blick entschlossen nach vorn, auf die Lösung jetzt anstehender schwieriger Probleme.

Ihre Grenzen sind nicht die ihrer Herkunft, sondern ihrer Persönlichkeiten; zwischen legitimem Freiheitswagnis und ebenso legitimen Solidaritätsansprüchen wird der „großen Koalition der kleinen Schritte“ nur dann die Luft nicht ausgehen, wenn die Begriffe für die Akteure auch in trüber Zeit etwas Leuchtendes behalten. Bedenkend, was ihrem Vorgänger als einstigem Medienliebling geschah, sollte die bislang medial so hofierte Kanzlerin ganz illusionslos, aber ganz und gar nicht noch kühler werden.

Der Westen braucht wahrlich keine Angst zu haben; aber für das Ostbewusstsein gibt es ein klein wenig mehr Hoffnung. Ob’s trägt, hängt auch davon ab, ob sie von allen getragen werden. Jedenfalls sind Sympathiewerte ein Schein, der trügt; man bedenke es vor dem Fall. Und wer weiß, wann man die Neuen satt hat. Auf östlichen Artenschutz hat keiner Anspruch, aber auf Fairness.

Der Autor ist Pfarrer in Wittenberg. 1993 bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

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