Meinung : Der zweite Sommer

Der neue Telekom-Chef Ricke will nichts anders machen. Was macht er besser?

Corinna Visser

Vor vier Monaten musste der Chef der Telekom gehen. Die Wut der Aktionäre war groß, der Börsenkurs im Keller, der Schuldenberg so hoch wie nie. Alles hatte Ron Sommer falsch gemacht: zu teuer eingekauft, keine überzeugende Strategie, seine Vision von der Deutschen Telekom als global player wollte niemand mehr hören. So sah es zumindest aus. Und deshalb war die dringendste Frage an seinen Nachfolger: Was will er anders machen? Zumal der Macht- ja auch ein Generationswechsel ist.

Wer auf einen radikalen Neuanfang gehofft hat, wird enttäuscht. Die neue Strategie ist – die alte. Interims-Chef Helmut Sihler hatte im Juli angekündigt, bei der Telekom jeden Winkel zu durchsuchen, jedes Geschäft zu prüfen, keine Sparmöglichkeit unangetastet zu lassen. Das Ergebnis: Eingespart wird vor allem beim Personal. Ansonsten bleibt es bei den vier Säulen im Konzern – Festnetz, Mobilfunk, Internet und Systemlösungen für Unternehmen. Selbst von der Mobilfunktochter Voicestream will man sich nun doch nicht trennen. Der teure Einkauf in den USA hatte die Schulden nach oben getrieben und den Aktienkurs in die Tiefe. Die neue Führung macht die alte Politik.

Auch an der Spitze des Konzerns wird sich wenig ändern. Kai-Uwe Ricke, ein Vertrauter des geschassten Ron Sommer, übernimmt den Vorstandsvorsitz. Ricke ist nicht der knallharte Sanierer, auf den einige gewartet haben, er steht für Kontinuität. Das mag viele Anleger enttäuschen.

Die Frage ist aber, ob die Telekom einen radikalen Kurswechsel braucht. Sollte sie sich auf den deutschen Markt und das angestammte Geschäft konzentrieren? Das hieße, sich von den Wachstumsmärkten zu verabschieden. Keine Frage, die Telekom hat für Voicestream zu viel bezahlt und bei der UMTS-Versteigerung zu hoch gepokert. Aber deshalb sind hektische Verkaufsaktivitäten noch lange keine gute Lösung. Voicestream entwickelt sich besser als erwartet. Und einen Käufer gibt es derzeit ohnehin nicht.

Die Telekom braucht jetzt an der Spitze weder einen Mann mit großen Visionen, noch einen, der das Unternehmen radikal zerschlägt – und es damit am Ende zum Übernahmekandidaten macht. Die wichtigste Aufgabe des neuen Telekom-Chefs Ricke wird sein, den Schuldenberg von 64 Milliarden Euro so schnell wie möglich abzubauen. Er muss zudem versuchen, besser zu sein als die Konkurrenz: Mehr Service, mehr Innovation und Leistung. Ricke kennt das Unternehmen und kann sofort loslegen. Ob er aber Autorität und Durchsetzungskraft besitzt, auch unangenehme Entscheidungen umzusetzen, muss er noch beweisen.

Bleibt die Frage, warum Sommer gehen musste, wenn jetzt doch alles beim Alten bleibt? Die Antwort ist: Es ging am Ende nicht mehr um die richtige Strategie. Sommer musste gehen, um die Wut der drei Millionen Kleinaktionäre zu besänftigen.

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