Meinung : Des Kanzlers Familie: Schröder wahlverwandt

Stephan-Andreas Casdorff

Doll seien seine neu entdeckten Cousinen, sagt der Kanzler - da hat er wohl Recht. Wie das passt: Familie im Osten! Er! Bald sind sie vergessen, die Zeiten, als der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder noch gegen die Wiedervereinigung war, jetzt, nachdem der private Familienaufbau Ost begonnen hat.

Ein großer General braucht auch Fortüne, hat der Alte Fritz gesagt. Schröder hat Fortüne. Es fügt sich so viel zusammen, geradezu provozierend viel. Der Kanzler verhandelt in Gera über einen Solidarpakt II, die SPD will mehr fürs Soziale tun - und da kommen die Cousinen, Menschen aus dem wahren Leben: Die eine war Köchin bei der HO, jetzt ist sie im Ruhestand; die zweite über eine ABM ins Finanzamt gekommen; die dritte seit der Wende arbeitslos. Der hat Schröder, der Kanzler, sein Wort von den "Faulenzern" so gut erklären können, ist danach zu erfahren, dass sie demnächst doch zur Besichtigung ins Kanzleramt kommen wird. Und die beiden Ehemänner sind auch noch "richtige ordentliche Auto-Männer", also auch doll.

Mensch Schröder. Niemand, auch nicht Angela Merkel, kann mehr sagen, dieser Kanzler habe keine Beziehung zu Ostdeutschland, die Nöte der Menschen in den neuen Ländern erreichten nicht sein Herz. "Weil ich weiß, wo ich herkomme, weiß ich auch, wo ich hingehöre", lautete ein Satz Schröders aus dem letzten Wahlkampf. Er verleugnet das nicht, das ist seine Stärke, tatsächlich. Hier ist er authentisch. Er hat in Gera die Öffentlichkeit wohl nicht nur ertragen, sondern sie auch genutzt. Er mag sein Familientreffen inszeniert haben. Er zelebriert auch seine Herkunft, damit jeder umso besser sieht, wie weit er gekommen ist. Aber er erhebt sich nicht über seine Verhältnisse: Schröder, der Gerhard, der Mensch.

Mit seiner Familie, der im Westen und der im Osten, wird Kanzler Schröder nicht nur gesamtdeutsch, sondern bietet den Stoff zur Identifikation: ein ordentlicher Mann aus dem Volk, der es aus einfachen Verhältnissen, aus schwierigen Nachkriegsverhältnissen mit harter Arbeit ganz nach oben geschafft hat. Es ist nicht seine Schuld, dass das ein Stoff für den Wahlkampf ist. Es ist auch nicht sein Verdienst. Es ist - Fortüne! Vielleicht wird Schröder noch ein großer General. Fritz heißt er ja schon.

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