Meinung : des Ungewissen Von Christoph von Marschall

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Bischof Huber und Kardinal Lehmann greifen in ihren Neujahrspredigten nach einem Wort, das im Grunde nicht von unserer Welt ist, allenfalls aus ihrer fernen, sagenhaften Vorzeit: Sintflut. Helmut Kohl, Augenzeuge auf Sri Lanka, hatte zuvor seine traumatischen Kindheitsbilder aus dem Krieg bemüht, um Worte für etwas zu finden, das sich nicht in Worte fassen lässt. Auch eine Woche nach dem Beben werden Entsetzen, Trauer, Fassungslosigkeit nicht geringer. Im Gegenteil, die Zahlen der Toten und Vermissten steigen weiter und weiter – und kein Ende ist absehbar. 150 000, das ist die Schreckenszahl vom Neujahrstag, und nun sollen es bereits deutlich mehr als tausend Deutsche sein, von denen jede Spur fehlt.

Unser Land, das fast sechzig Jahre im Frieden leben durfte, muss lernen, mit einer Situation zurechtzukommen, die allenfalls die ganz Alten aus dem Krieg kennen: den Umgang mit Vermissten, die Suche nach Nachrichten, wer sie wo zuletzt gesehen hat – nun im Internet und nicht mehr per Zetteln auf Lattenzäunen. Wie lange muss man, wie lange darf man hoffen? Wann soll man einen Menschen, der jeden Tag so schmerzlich fehlt, für tot erklären lassen, damit das Leben der Familie neue, feste Bahnen finden kann? Und wie lernen wir, mit den Betroffenen in unserer Mitte umzugehen? Es ist ja richtig, sich beim Gedenken an die Opfer und der Hilfe für die Davongekommenen nicht auf die eigene Nation zu beschränken. Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist enorm. Zugleich aber ist es sehr menschlich, das Mitgefühl den Nächsten in der eigenen Stadt, im eigenen Land zuzuwenden – und womöglich ist es die schwerere Herausforderung, ihnen gerecht zu werden.

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