Meinung : Deutsch, Mathe, Demo?

Das Versammlungsrecht gilt für Jugendliche erst nach der Schule

Robert Leicht

Manchmal lohnt ein Blick ins Grundgesetz. Aber nicht immer beantworten sich dadurch alle Fragen. Im Artikel 8 heißt es: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ Von Altersgrenzen steht da nichts. Was also ist der Grund für die Aufregung um die Schülerdemonstrationen gegen den Krieg, die sich im Land ausbreiten wie der gute Wille an sich?

Der Streit rührt daher, dass wir oft nicht mehr sauber unterscheiden können oder Unterscheidungen bewusst verwischen. In diesem Falle geht es um den Unterschied zwischen der Person des Jugendlichen und seiner Rolle als Schüler. Natürlich darf jedermann als Person demonstrieren, wofür oder wogegen er will. Damit ist aber noch nichts darüber gesagt, ob er dies ohne Rücksicht auf seine Rolle darf. Ein Staatsbürger kann in seiner Rolle als Arzt nicht mitten in einer Operation das Skalpell fallen lassen, um zu einer ihm wichtigen Demonstration zu eilen.

Der Jugendliche (oder das Kind) in seiner Rolle als Schüler ist definiert durch die Schulpflicht. Der Schüler wird bei Strafandrohung von Staats wegen zum Unterricht „eingezogen“; doch diese Pflicht wird im freiheitlichen Staat dadurch begrenzt, dass an der Schule ausschließlich Unterricht stattfindet, nicht etwa Indoktrination oder Wehrertüchtigung oder Einübung in kollektive Demonstrationen. Die Schule hat Unterricht zu gestalten. Und die Schulverwaltung hat sicherzustellen, dass Unterricht stattfindet – und nur Unterricht. Dazu kann (und sollte!) im Beginn eines Krieges gehören, dass in diskursiver und kritischer Weise – also auch, dies für Lehrer, in selbstkritischer Weise – die Aktualität zur Sprache kommt: Geschichte und Geographie des Irak, die Vorgeschichte des Konflikts, die UN, das Völkerrecht und die Menschenrechte, Krieg in Geschichte und Gegenwart, der Islam, seine und unsere Kreuzzüge. Und das in Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde, Religionsunterricht, Literatur …

Die Schule hat nichts anderes zu tun, als die kritische Urteilsfähigkeit der ihr anvertrauten jungen Menschen nach Kräften zu fördern. Nicht aber hat sie das Urteil der Schüler zu „organisieren“. Oder gar das persönliche Urteil des einzelnen Schülers durch ein für alle Schüler organisiertes Rollen-Urteil zu ersetzen. Vor allem hat sie nicht den Unterricht zu ersetzen durch eine Demonstration. Denn wir haben keine „politischen“ Schulen. Auch nicht, wenn es um einen „guten Zweck“ geht. Wenn wir von dieser klaren Unterscheidung zwischen der Person des Schülers und der Rolle der Schule abweichen, ist die geistige Liberalität an unseren Schulen schnell dahin: jene Freisinnigkeit, die allein die staatliche Schulpflicht erträglich macht.

Also: Wenn Schüler außerhalb der Schulzeit aus freien Stücken demonstrieren, dann ist das allein ihre persönliche Angelegenheit, allenfalls die ihrer Erziehungsberechtigten. Wenn Lehrer (mit oder ohne Billigung der Schulverwaltung) ihre Schüler während der Schulzeit (und unter Verletzung ihrer Unterrichtsverpflichtung) zu politischen Aktionen abführen, überschreiten sie ihr Amt unzulässig und maßen sie sich an, die Schüler zu politischen Zwecken zu instrumentalisieren.

Schülerdemonstrationen für den Frieden ähneln bei allen Unterschieden doch den Kinderkreuzzügen in einem: Sie machen an einer bestimmten Rolle die Kollektivierung der Individuen fest. Einmal abgesehen davon, dass Demonstrationen notwendigerweise der platten, oft der plattesten Verkürzung politischer Probleme propagandistischen Vorschub leisten müssen, der gute Unterricht sich aber gerade dadurch auszeichnet, dass er die Versimpelung der Welt zu Schlagworten subversiv unterläuft: Man nennt das Bildung. Eine wirklich kritische Schule überlässt also das Denken ihren Schülern. Und folglich auch das Demonstrieren.

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