Meinung : Deutsche Bahn: Bahnbrechend pro Familie

Dagmar Dehmer

Die Deutsche Bahn AG hat eine kleine Revolution angekündigt. Mit einem neuen Preissystem will sie das unübersichtliche Chaos von Sonderpreisen, Rabatten und befristeten Angeboten ablösen. Klarheit und Kundenfreundlichkeit sollen an die Stelle des undurchschaubaren Tarifdschungels treten, den längst auch die Fahrkartenverkäufer nicht mehr verstehen.

Die Bahn löst diesen Anspruch allerdings nur bedingt ein. Zugegeben: Das neue System ist übersichtlicher. Aber: Eine Bahnfahrt kann künftig im gleichen Zug ganz unterschiedlich viel kosten. Je nachdem, ob der Kunde die Reise lange im Voraus geplant hat, eventuell mit jemandem mitreist und womöglich noch eine Bahn-Card besitzt. Und weil die großen Rabatte kontingentiert sind, kann es ihm künftig passieren, dass die billigen Fahrkarten längst ausverkauft sind, wenn er seine Reise buchen will. Wie groß diese Kontingente für billige Fahrkarten sein werden, erfahren die Kunden zuletzt und nur dadurch, dass sie eben keinen Rabatt bekommen. Denn mit dieser Steuerungsmöglichkeit will die Bahn in Zukunft wenig ausgelastete Züge besser füllen. Für die Kunden bekommt das - wie beim Vorbild Lufthansa auch - etwas Willkürliches.

Es geht auch einfacher. In der Schweiz beispielsweise gibt es nur einen Grundpreis. Der kann halbiert werden, wenn der Kunde einen Halb-Preis-Pass erwirbt. Allerdings kann die Schweizer Bahn so die Auslastung der Züge nicht steuern. Der sagenhafte Erfolg des Halb-Preis-Passes gibt ihr trotzdem Recht: Jeder vierte Schweizer hat ihn. Nicht umsonst hat ihr die Deutsche Bahn vor Jahren die Bahn-Card abgeguckt.

Die Deutsche Bahn ist dem schweizer Beispiel, wie man Preise ganz einfach macht, nun nicht gefolgt. Trotzdem macht sie einen Riesenschritt auf ihre Kunden zu. Vor allem Familien profitieren von der Preisreform. Für sie könnte die Bahn für länger geplante Ausflüge eine Alternative zum Auto werden. Zu den Verlierern gehören allein Reisende, die Züge auch weiterhin spontan nutzen wollen. Sie müssen für ihre Flexibilität in Zukunft teuer bezahlen. Der größte Schwachpunkt ist jedoch die Ignoranz gegenüber dem Nahverkehr. Noch immer finden die meisten Fahrten im Nahbereich statt. Pendeln Kunden regelmäßig, aber beispielsweise nur zweimal die Woche, kostet sie Bahn fahren viel mehr als bisher. Solche Kunden werden durch das neue Preissystem geradezu ins Auto getrieben. Für diese treuen Vielfahrer sollte die Bahn die neuen Tarife überarbeiten. Mit diesen Kunden verdient die Bahn nicht viel - genauso wenig wie mit Kindern. Doch vergrätzt sie diese Kunden, könnte sie diese Gruppe auch für lukrativere Fernverkehrsangebote verlieren. Das sollte die Bahn nicht riskieren.

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