Deutsche Bahn : Gleise in den Sumpf

Die Bahn muss aufklären, ob sie im Kampf gegen die Korruption zu weit gegangen ist. Offenbar kam die Anordnung, 173.000 Mitarbeiter zu überprüfen, aus der Chefetage.

Carsten Brönstrup

Schande über die Deutsche Bahn, Schande über ihren Chef Hartmut Mehdorn. Mal wieder fällt das Unternehmen unangenehm auf, mal wieder sieht es so aus, als gehe dies zurück auf eine Anordnung von ganz oben, aus dem 25. Stock des Berliner Bahn-Towers. 173 000 ihrer Beschäftigten hat die Bahn vor einigen Jahren heimlich überprüfen lassen. Sie hat also drei von vier Mitarbeitern verdächtigt, ihren Arbeitgeber hintergangen und Geld, das für Investitionen vorgesehen war, in die eigenen Taschen umgelenkt zu haben. Ein Skandal, ein Abgrund des Misstrauens. Zumal die Bahn noch vergangene Woche den Eindruck erweckt hatte, nur gut 1000 Beschäftigte überprüft zu haben. Die Konsequenz kann nur sein: Mehdorn muss weg.

So einfach würden es sich die meisten in der Politik wohl am liebsten machen. Der Streit um den Datenmissbrauch bei der Bahn kommt nicht wenigen zupass, einmal mehr den Rücktritt des Managers zu fordern, der Josef Ackermann in Sachen Unbeliebtheit weit voraus ist. Im Wahlkampfjahr wäre Mehdorns Demission ein willkommenes Signal des Neuanfangs bei der Bahn: keine unbequeme Börsenpolitik mehr, kein Ärger über stillgelegte Trassen oder gestrichene Jobs – damit ließen sich Stimmen fangen. Selbst die Regierungsparteien könnten der Verlockung erliegen.

Doch den Mann jetzt abzuschießen wäre voreilig und ungerecht. Ohne Zweifel, das Vorgehen der Bahn wirft Fragen auf: Muss jeder Bahn-Beschäftigte damit rechnen, dass sein Arbeitgeber auch sehr persönliche Daten überprüft? Muss das Personal es hinnehmen, unter Generalverdacht zu stehen, statt sich als wertvollster Teil eines Konzerns fühlen zu können? Muss nicht gerade ein Unternehmen in Staatsbesitz peinlich genau die Datenschutzgesetze beachten? Und ist es nicht merkwürdig, dass die Wahrheit nur scheibchenweise ans Licht kommt? Doch auch für die Bahn gilt die Unschuldsvermutung. Noch ist nicht erwiesen, dass sie und ihre Auftragnehmer Schuld auf sich geladen haben. Entsprechend ist es verfrüht, den Rücktritt von Mehdorn zu fordern.

Zudem ist es wichtig, die Ermittlungen in einem Kontext zu sehen. Die Bahn war jahrzehntelang durchdrungen von Korruption und Vetternwirtschaft. Milliarden Euro gingen jedes Jahr verloren, weil Beschäftigte sich haben schmieren lassen und einige Dinge nicht so genau nahmen. Selbst ganze Lokomotiven verschwanden im Dschungel der ehemals behäbigen Behörde.

Hierbei geht es, genauso wie beim Thema Datenschutz, nicht um Kavaliersdelikte. Das Geld der Steuerzahler und das der Bahn-Kunden geht verloren, die Unterwelt profitiert. Wer dem Unternehmen heute vorwirft, beim Kampf gegen den Sumpf zu forsch vorgegangen zu sein, darf sich morgen nicht darüber beschweren, dass neue Strecken oder Tunnel wieder einmal teurer geworden sind als ursprünglich geplant. Oder dass die Ticketpreise schon wieder steigen. Der Kampf um Effizienz ist schwierig. Die Bahn muss nun aufklären, ob die Beschäftigten einen zu hohen Preis dafür gezahlt haben.

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