Meinung : Deutsche Bahn: Pro und Contra: das neue Fahrpreissystem

Carsten Brönstrup

Auf den ersten Blick: Verwirrung. Das neue Preissystem der Deutschen Bahn bietet viele Tarife für ein- und dieselbe Zugfahrt, abhängig davon, wann sich der Kunde einen Fahrschein kauft. Das bedeutet für viele Bahnfahrer zunächst einmal Umgewöhnung. Doch der Aufwand lohnt sich. Bislang herrschte auf dem Bahnhof Tarifwirrwarr, nicht einmal die Bahn-Angestellten wussten über sämtliche Vergünstigungen und Sparpreise Bescheid. Die Folge: Fahrscheinkauf war Glückssache. Nun, mit dem neuen System hat es endlich der Kunde in der Hand, wie viel er bezahlt, er ist nicht mehr auf Lust und Kompetenz des Verkäufers angewiesen.

Das neue System erfordert aber auch eine bessere Planung, also mehr Mühe für den Reisenden. Er muss sich früher darauf festlegen, welchen Zug er wann besteigen will und sich rechtzeitig ein Ticket besorgen. Der Mehraufwand dafür hält sich jedoch in Grenzen: Per Telefon, per Internet, in Reisebüros und am Bahnschalter sind Fahrscheine zu kaufen, das ist ein recht komfortables Vertriebsnetz. Mit dem Planungszwang geht zwar ein Stück Flexibilität verloren. Dafür wird der Kunde aber auch belohnt: Wer sich rechtzeitig entscheidet, fährt billiger als heute, eine Ersparnis von bis zu 40 Prozent soll möglich sein. Planung ist überdies auch bei anderen Verkehrsmitteln nötig, Fahrrad und Straßenbahn ausgenommen: Flugreisende sind seit jeher Frühbucher. Und wer eine längere Strecke mit dem Auto fahren will, fährt so zeitig los, dass er nicht im nächstbesten Stau landet - das kostet schließlich auch Zeit und Geld.

Und nicht nur mit geringeren Preisen wird der planende Bahnfahrer belohnt. Er bekommt zudem mehr Qualität für sein Geld. Eine Folge des noch gültigen Systems sind überfüllte Züge an Freitag- oder Sonntagabenden - ärgerlich für ICE-Passagiere, die einen Premiumpreis gezahlt haben. Wird die Masse der Reisenden durch gestaffelte Preise auf mehrere Züge verteilt, haben alle etwas davon - mehr Platz und Komfort.

All das wird Bahnfahren attraktiver machen, damit mehr Leute dieses umweltfreundliche Verkehrsmittel benutzen - das ist Ziel der Verkehrspolitik. Der Weg dorthin ist die Sanierung der Bahn durch eine stärkere Marktorientierung. Dies funktioniert mit dem Uralt-Preissystem nicht - auch wegen der undurchsichtigen Tarife ist die Bahn unattraktiv. Die neuen Preise könnten dagegen den Marktanteil der Bahn steigern, weil sie Viel- und Weitreisenden attraktive Vorteile bieten kann. Es ist im Wettbewerb schließlich nichts Verwerfliches, wenn sich ein Unternehmen auf die umsatzstärksten Kundengruppen konzentriert.

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