Deutsche Bahn : Sieg der Separatisten

Nach einem Jahr Tarifstreit setzen sich die Lokführer gegen die Bahn und gegen die anderen Gewerkschaften durch. Hat sich das Theater wenigstens gelohnt?

Alfons Frese

Die Geduld der Bahnfahrer ist erstaunlich. 355 Tage gingen ins Land, bis Hartmut Mehdorn die frohe Botschaft verkünden konnte. „Tarifstreit beendet – gute Nachricht für Millionen Bahn-Kunden.“ Das tut gut. Und doch: Ein Glückwunsch für den Bahn-Chef und seinen Widersacher, den obersten Lokführer Manfred Schell, bleibt im Halse stecken. Zu groß ist der Verdruss über das schlimme Stück Tarifgeschichte, das in den vergangenen zwölf Monaten geschrieben wurde. Wie lange wohl wird der Frieden halten?

Geld und Macht – darum ging’s in dem Streit. Über viele Jahre hatten sich die Lokführer von der viel größeren Bahngewerkschaft Transnet nicht richtig vertreten gefühlt. So entwickelte sich das starke Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Die Lokführer wollten ein eigenes Tarifgeschäft aufmachen. Ein Geschäft mit dem Arbeitgeber Bahn und gegen die beiden anderen Bahngewerkschaften. Schell nicht nur gegen Mehdorn, sondern auch gegen Transnet-Chef Norbert Hansen. Es waren weniger die Lohnprozente, die diesen Tarifkonflikt so kompliziert gemacht haben, als die Konstellation: eine Gewerkschaft gegen den Konzern und gegen andere Gewerkschaften. Am Ende haben die Lokführer gewonnen, weil sie in der Bahn eine strategische Position besetzen. Dafür gibt es elf Prozent mehr Geld – und den Status einer eigenständigen Tarifpartei.

Über die Folgen dieses Erfolgs kann man düstere Mutmaßungen anstellen. Zwar haben in den Jahren zuvor auch schon die Fluglotsen, Piloten und Ärzte ihre eigene Suppe gekocht. Doch so spektakulär wie die Lokführer hat sich noch keine Gruppe durchgesetzt. Wenn das mal keine Schule macht. Zweifellos strahlt der Erfolg der Lokführer auch auf die Berliner U-Bahn- und Busfahrer aus. Und wer weiß, welche Spezialisten demnächst noch aus gewohnten Tarifgemeinschaften ausbrechen und auf eigene Rechnung agieren.

Die Separatisten schleifen das Prinzip der Tarifeinheit, wonach in einem Unternehmen nach einem Tarif bezahlt wird. In der Konsequenz kann es Dauerzoff geben: Erst verhandelt die eine Gewerkschaft mit dem Arbeitgeber, dann die andere und schließlich die dritte. Und jeder versucht, den anderen zu übertreffen, damit sich möglichst viele Beschäftigte der eigenen Gewerkschaft anschließen.

Wie bei der Bahn. Mehdorn hat deshalb größten Wert gelegt auf das Kooperationsabkommen, das die Zusammenarbeit der Bahngewerkschaften in der Zukunft regelt. Hoffentlich hält das. Die Bahn-Kunden haben es verdient.

Seiten 1 und 15

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