Deutsche Befindlichkeiten : Ein Herz und zwei Seelen

In diesem zwanzigsten Jahr erfahren viele zum ersten Mal Genaueres über das denkwürdige Jahr 1989 – nicht nur die Nachgeborenen. Als größtes Ereignis des Jahres wird der Mauerfall gefeiert. Die staatliche Einheit Deutschlands ist vollendet, die gesellschaftliche nicht. Zum Glück.

Richard Schröder
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Richard Schröder ist Philosoph und emeritierter Professor für Evangelische Theologie. -Foto: dpa

Im Rückblick hat das unerwartete und ungeplante Ereignis des Mauerfalls nicht nur das Ende der DDR besiegelt, sondern auch die Perspektive auf die deutsche Einheit allererst eröffnet, die bis dahin nicht auf der Forderungsliste ostdeutscher Oppositioneller stand. Der Fall der Mauer hat aber auch endgültig die Konfrontation der Blöcke mit latenter Atomkriegsgefahr beendet und die europäische Einigung über den eisernen Vorhang hinweg in Gang gesetzt.

Und doch steckt in dieser Konzentration auf den Mauerfall die Gefahr einer Geschichtsklitterung. Gelegentlich hört man: Die deutsche Einheit habe den Ostdeutschen die Freiheit gebracht. Das ist falsch. Das Grundgesetz ist eine vorzügliche Ordnung der Freiheit. Aber vor der Freiheit war die Befreiung nötig, und die mussten die Ostdeutschen selbst bewerkstelligen. Dafür steht der 9. Oktober, die erste Montagsdemonstration nach den pompösen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, deren gewaltsame Niederschlagung minutiös geplant war.

Aber es kamen mehr Menschen als erwartet, und die Sicherheitskräfte bekamen den Befehl, sich „mit Eigensicherung“ zurückzuziehen. Einige mutige Männer um Kurt Masur, darunter auch Mitglieder der SED-Bezirksleitung, riefen über den Stadtfunk zum Dialog auf. Damit war das Eis gebrochen.

Also: Einheit durch Freiheit muss es heißen, nicht Freiheit durch Einheit. Die Maueröffnung war eine indirekte Folge der Herbstrevolution. Das neue Politbüro wollte auch ein bisschen Glasnost praktizieren und beschloss, während der Sitzung des Zentralkomitees Pressekonferenzen abzuhalten. Und da kam es zu den glücklichen Verwirrungen, die unbeabsichtigt die Maueröffnung auslösten. Und es waren die Ostdeutschen, die die deutsche Einheit forderten, zunächst listig mit einer Zeile aus der Nationalhymne der DDR, die seit den siebziger Jahren eben deshalb nicht mehr gesungen wurde, sondern ein reines Orchesterstück geworden war: „Deutschland, einig Vaterland“. In den westdeutschen Medien hat das weithin Kopfschütteln ausgelöst, wenn es nicht sogar als rechtsextrem eingestuft wurde.

Und wie steht es zwanzig Jahre danach mit der deutschen Einheit? Das kommt auf den Maßstab an. Vom Ausland aus hält man die deutsche Einheit für gelungen. Es gibt in Europa hier und da separatistische Tendenzen, bloß nicht in Deutschland. In Deutschland aber kann man hören, die deutsche Einheit stecke in der Krise. Das hat eine italienische Zeitung veranlasst, mich nach den Ost-West-Gegensätzen zu befragen. Ich habe einen Italiener zitiert, der gesagt hatte, die deutsche Einheit sei weiter fortgeschritten als die italienische. Wie meinen Sie das? Da habe ich geantwortet: In den letzten hundert Jahren hat es keinen italienischen Ministerpräsidenten aus Sizilien gegeben, aber unsere Bundeskanzlerin stammt aus Ostdeutschland und ist auch noch die erste Frau in diesem Amt. Das hat Italien auch noch vor sich.

In Deutschland stellt man solche europäischen Vergleiche nicht an, sondern fragt, wann die deutsche Einheit vollendet ist.

Was soll denn das sein: eine vollendete Einheit? Alle ein Herz und eine Seele? Nach diesem Kriterium war die Einheit in der alten Bundesrepublik vor 1989 auch nicht vollendet, wenn ich nur an die Studentenunruhen, den Streit um die Notstandsgesetze, die Nachrüstung, die Atomkraft denke. Ich bin bei der „vollendeten Einheit“ an die viel beschworene „Einheit von Partei und Volk“ erinnert, die die SED beschwor und zelebrierte, und an die nicht nur Honecker offenbar tatsächlich geglaubt hat.

Deshalb doch die verrückte Idee, die auch noch der Reiseregelung vom 9. November 1989 zugrunde lag: Wenn wir die wenigen Unzufriedenen gehen lassen, bleiben die übrig, die mit uns den Sozialismus aufbauen wollen. Dass die Mehrheit die Nase voll hatte, kam auch den Verfassern dieses Entwurfs noch nicht in den Sinn. Das kommt davon, wenn man eine freie Presse verbietet. Am Ende wird man selbst Opfer der zensierten öffentlichen Meinung.

Wann ist denn zum Beispiel eine Ehe vollendet? Wenn sie beide in aufrichtiger Liebe und Zuneigung gestorben sind. Nur Beendetes kann vollendet sein. Lebendig sein und vollendet sein schließen einander aus. Wer seinen Garten für vollendet erklärt, tut das am besten im Herbst, denn im Frühjahr kommt mit Sicherheit das nächste Unkraut. Die deutsche Einheit ist auf gutem Wege, trotzdem bleibt, wie im Garten, immer etwas zu tun, damit sie auf gutem Wege bleibt. Das wird sich nie ändern. Ich halte inzwischen die Ost-West-Unterschiede längst nicht mehr für die problematischsten in Deutschland. Schwieriger sind die Probleme bildungsferner Schichten und die der Integration von Eingewanderten.

In der neuen Präambel des Grundgesetzes heißt es: „Die Deutschen in den Ländern (sie werden aufgezählt) haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet.“ Von der staatlichen Einheit ist das auch richtig. Das Deutschland in den Grenzen des 3. Oktobers 1990 ist das ganze Deutschland. Es ist territorial „vollendet“. Und die staatliche Einheit ist dann vollendet, wenn die Bürger eines Staates gemeinsam ein Parlament und eine Regierung wählen und wenn es keine separatistischen Tendenzen gibt. Das ist bereits der Fall.

Die Wahlbeteiligung ist bei Bundestagswahlen im Osten nur unerheblich niedriger als im Westen. Namentlich das Bundesverfassungsgericht, der Bundespräsident und die Grundrechte genießen in Ost und West etwa gleich hohes Ansehen. Auf diesem Gebiet ist die Einheit in Ordnung oder meinetwegen vollendet. Es gibt keine Unterschiede in Deutschland, die die staatliche Einheit infrage stellen.

Das heißt ja nicht, dass wir keine Probleme hätten. Probleme gibt’s immer. Die meisten Menschen dieser Welt würden aber sehr gern unsere Probleme mit ihren eintauschen. Ich habe den Verdacht, die Frage, wann die deutsche Einheit vollendet sei, meine in Wahrheit: Wann sind die Ostdeutschen endlich ununterscheidbar wie wir – als wäre der normale Westdeutsche die vollendete Stufe des homo sapiens. Es gibt eben auch Westmacken, nicht nur Ostmacken. Ich nenne je eine.

Eine Ostmacke ist die DDR-Nostalgie. Sie nimmt eher zu als ab. Was da alles in der DDR besser gewesen sein soll, lässt sich oft leicht widerlegen. Das Gesundheitswesen soll besser gewesen sein, aber die Lebenserwartung hat sich im Osten um fünf Jahre verlängert, gleichzeitig im Westen um zweieinhalb Jahre. Jetzt sind sie in etwa gleich. An der DDR wird die menschliche Wärme gelobt, aber die Suizidrate ist um etwa ein Drittel zurückgegangen. Das wissen viele nicht, weil in der DDR die Suizidrate ebenso wie die Kriminalstatistik Staatsgeheimnisse waren.

Aber solche Argumente wirken nicht, denn die DDR-Nostalgie ist ein Gefühl, das Gefühl der Minderwertigkeit: Wir sind Bürger zweiter Klasse. Da schlagen sich gleich viele Westdeutsche an die Brust: Was haben wir falsch gemacht? Das Minderwertigkeitsgefühl haben die Ostdeutschen in die Einheit mitgebracht. Sie haben es gewonnen, wenn sie in Bulgarien Urlaub gemacht haben im Zelt, während die Westdeutschen im Neckermannhotel residierten oder wenn sie vor dem Intershop standen, aber mit ihrem redlich erworbenen Ostgeld nichts kaufen durften. Wenn sich jemand als Bürger zweiter Klasse fühlt, muss das nicht immer an den Umständen liegen. Es kann auch an seiner Einstellung liegen. Er könnte sich mal fragen, ob er sich wirklich diskriminiert fühlen muss oder ob er gar in den Zustand verliebt ist, sich bedauern zu können. Denn so lässt sich besser klagen. Und in Deutschland scheint der Grundsatz zu gelten: Nur wer klagt, gewinnt.

Aus den Westmacken wähle ich die beliebte Frage aus: Warum sind die Ostdeutschen nicht dankbarer? Im Klartext soll das heißen: Uns müssen sie doch dankbar sein für so viel Hilfe. Sie möchten sich einseitig als Wohltäter anerkannt sehen, eine sehr komfortable Position. Den römischen Patronen mussten ihre Klienten dankbar am Bett ihre Aufwartung machen.

Undank ist verletzend, das ist wahr. Aber die Einforderung von Dankbarkeit ist der Tod jeder Beziehung. Eheberater können davon ein Lied singen.

Im Alltag wissen wir das. Wenn uns jemand dankt, sagen wir „keine Ursache“ oder „gern geschehen“. Wir wehren den Dank ab. Wer Dankbarkeit einfordert, fordert Unterwerfung und verhindert damit, was er erwartet. Denn echte Dankbarkeit gibt es nur in Freiheit, in einer Beziehung wechselseitiger Anerkennung.

Bei Lichte gesehen haben doch beide Seiten Grund zur Dankbarkeit. Erst die Herbstrevolution hat den Weg zur deutschen Einheit eröffnet. Und die große Last der Umstellungen und Umwälzungen hat die ostdeutsche Bevölkerung getragen. Und es ist ja kein persönliches Verdienst, im Westen geboren zu sein unter den freundlicheren Besatzungsmächten, die euch zum Grundgesetz gedrängelt haben. Es wäre manches einfacher, wenn wir aus Anlass der deutschen Einigung gemeinsam sagen könnten: „Nun danket alle Gott“.

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