Deutsche Einheit : Auch sie sind unter uns

Von der Waffen-SS zu den Stasi-Spitzeln: Von einer gesellschaftlichen Ausgrenzung der Ostdeutschen kann keine Rede sein, schreibt Chefredakteur Lorenz Maroldt in seinem Essay zum Tag der Einheit.

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Gedenktafel an der früheren Stasi-Zentrale in Berlin.
Gedenktafel an der früheren Stasi-Zentrale in Berlin.Foto: ddp

Im Herbst 1990, kurz nach der Einheitsfeier, schaute ich mir eine Polizeiwache in der Berliner Immanuelkirchstraße an. Genau ein Jahr zuvor, am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, hatten hier Volkspolizisten mit Knüppeln eingesperrte Demonstranten verprügelt, sie stundenlang mit nassen Hosen in entwürdigender Haltung an die Wand gestellt, sie verhöhnt und zu falschen Erklärungen gezwungen. Die Polizisten, die nun am selben Ort friedlich Papierbögen auf die Walzen in ihre Schreibmaschinen drehten, waren auch damals schon im Dienst; sie hatten jetzt nur eine andere Uniform an.

Ein paar Tage später sprach ich mit dem Bundestagsabgeordneten Heinrich Lummer über diesen fliegenden Seitenwechsel von der einen Staatsgewalt zur anderen, von der Diktatur zur Demokratie. Lummer, ein knallharter Konservativer, war in den 80er Jahren als West- Berliner Innensenator zuständig für die Polizei in der Stadt. Die Stasi hatte einst eine Frau auf ihn angesetzt und später vergeblich versucht, ihn mit kompromittierenden Bildern zu erpressen. Seine politische Gegnerschaft zur DDR war also noch um eine bittere persönliche Note verschärft; dennoch betrachtete er die neue Aufgabe der Feinde von einst mit nüchternem, historisch begründetem Pragmatismus: Das gehe eben nicht anders, sagte Lummer. Ohne Nazis, so behauptete er, wäre nach 1945 die öffentliche Ordnung ja auch nicht herstellbar gewesen – wo hätten denn all die Lehrer, Verwaltungsangestellten, Juristen und Polizisten herkommen sollen?

Der Versuch, die Geschehnisse während und nach der Nazizeit mit denen während und nach der DDR-Zeit zu vergleichen, misslingt oft, weil daraus eine Gleichsetzung wird. Damals erlag Heinrich Lummer der Versuchung, viele Jahre später sollte es Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck so ergehen. Die Motive für solche Vergleiche sind unterschiedlich: Erklärungsnot, Entschuldigungszwang, Verharmlosung der Nazis oder Dramatisierung der DDR; meistens jedoch zeigt sich, dass die Dinge differenzierter zu betrachten sind.

Im groben Netz der Entnazifizierung waren nach 1945 nur wenige hängengeblieben; das Volk der Mitläufer stellte sich gegenseitig die Persilscheine hunderttausendfach im Schnellverfahren aus. So wurden in der US-Zone bei 3,5 Millionen Verfahren drei Viertel der Verdächtigten und Belasteten freigesprochen oder begnadigt. So kam es auch, dass von den fünf Polizisten, die 1946 den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher zu schützen hatten, vier frühere Nazis waren, zwei sogar ehemals bei der Waffen-SS. Wolfgang Staudtes Film „Die Mörder sind unter uns“, im selben Jahr mit Hildegard Knef in der Hauptrolle gedreht, hatte einen realen Hintergrund.

Auf Kurt Schumacher berief sich 20 Jahre nach dem Fall der Mauer Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, der, um einer Koalition von SPD und Linke im Land eine überparteiliche Begründung zu geben, zur Versöhnung aufrief. So wie einst Schumacher, der Jahre im Konzentrationslager gelitten hatte, aber dennoch 1951 zu einem versöhnlichen Umgang mit der großen Masse der 900 000 früheren Angehörigen der Waffen-SS aufrief und dies als menschliche und staatsbürgerliche Notwendigkeit bezeichnete, sollten Demokraten auch heute diejenigen willkommen heißen, welche die „Bereitschaft zu tätigem Neubeginn“ zeigten. Die Aufarbeitung der Vergangenheit sei nach 1990 zwar besser gelungen als nach 1945, so Platzeck; eine vergleichbare Integration jedoch nicht.

Platzeck bekam viel Ärger wegen seiner Worte, von allen Seiten. Die Linke war verstimmt wegen des Vergleichs mit der Waffen-SS und sprach von einer Unverschämtheit, die CDU sah einen törichten Versuch, eine Koalition mit Extremisten zu rechtfertigen, und selbst aus der SPD gab es Kritik: Wolfgang Thierse erklärte, im Kern stimme er zwar zu, aber der SS-Vergleich sei eine unsubtile Gemeinheit, und Richard Schröder sagte, er wisse überhaupt nicht, was Platzeck mit Versöhnen meine.

Ausstellung: Die friedliche Revolution
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02.10.2010 17:47Knapp anderthalb Jahre lang zog die Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" am Alexanderplatz Besucher an. Jetzt ist endgültig...

Der beginnende Kalte Krieg hatte die rasche Eingliederung früherer Nazis in beiden Teilen Deutschlands begünstigt; die einstigen Alliierten waren bemüht, in ihrem jeweiligen Machtbereich schnell Strukturen des öffentlichen Lebens zu schaffen und Stabilität herzustellen. Was einer konnte, wurde bald wichtiger als das, was einer mal war. Mit der Vergangenheit wollte man lieber nichts mehr zu tun haben; so begann eine intensive gesellschaftliche Aufarbeitung der Nazizeit eigentlich erst mit 20 Jahren Verspätung. Die Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit begann dagegen gleich nach dem Fall der Mauer – und hält bis heute an.

Eine weitgehende, quasi selbstverständliche personelle Kontinuität auf mittlerer und oberer Ebene wie nach 1945 gab es im vereinten Deutschland zunächst nicht. Aus dem Westen reisten Beamte und Berater an, die Positionen besetzten und die neuen Länder nach bundesrepublikanischem Vorbild herzurichten begannen. Bei der Vergütung wurde herablassend von Buschzulage gesprochen, ein frühes Zeichen lang anhaltender Verstimmung im Einheitsprozess. Überall begannen Kommissionen, die fachliche und persönliche Eignung von Wissenschaftlern, Juristen, Lehrern und anderen Staatsbediensteten zu prüfen. Viele Betroffene empfanden diese Evaluation als unwürdig und ungerecht.

Die Beurteilungen fielen in den Ländern sehr unterschiedlich aus. So gab es in Brandenburg eine auffällig hohe Kontinuität in allen Bereichen, wie ein Vergleich mit Berlin, aber auch den anderen Ländern zeigt. Während zum Beispiel die Richterwahlausschüsse fast überall weniger als die Hälfte der Staatsanwälte im Dienst beließen, konnten in Brandenburg 55 Prozent der Ankläger weitermachen. Bei den Richtern schafften es in Brandenburg 45 Prozent von dem einen Staatsdienst in den anderen, in Berlin waren es elf Prozent. 71 Prozent der Wissenschaftler an märkischen Hochschulen überstanden die Evaluation, in der Hauptstadt nicht einmal jeder zweite.

Breite Aufmerksamkeit erregte das damals alles nicht, die Öffentlichkeit konzentrierte sich eher auf prominente Fälle wie den von Heinrich Fink, seit 1990 Rektor der Berliner Humboldt-Universität, zuvor unter anderem als Inoffízieller Mitarbeiter „Heiner“ für das MfS in der Hochschule tätig. Seit damals wird darüber gestritten, wie die Stasi-Akten zu lesen sind und was sie zu bedeuten haben. Viele Studierende unterstützten den Theologen Fink, teils aus politischen Gründen, teils weil sie ihn als Menschen schätzten. Fink wurde 1992 entlassen und klagte dagegen durch mehrere Instanzen, scheiterte aber schließlich vor dem Bundesgerichtshof. 1968 war Fink angeworben worden, seinen letzten Bericht lieferte er am 7. Oktober 1989.

Fink, aber auch Manfred Stolpe und Gregor Gysi, die aufgrund von Akten unter IM-Verdacht gerieten, fanden nicht zuletzt deswegen so viel Unterstützung im Osten, weil sich in ihnen das Gefühl personalisierte, dass eine Hexenjagd auf jeden stattfindet, der nicht das Prädikat Bürgerrechtler trägt. Die Umstände des Lebens in der DDR würden viel zu wenig bei der Beurteilung berücksichtigt, war oft zu hören, ebenso die Klage, die eigene Biografie werde entwertet, es entstehe eine Zweiklassengesellschaft. Dies wurde noch verstärkt durch die wirtschaftliche Misere, mit der viele zu kämpfen hatten.

Was hat sich im Einheits-Jahr 1990 für Sie verändert?
Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister Berlins: "Fast alles. Eine neue Zeit war angebrochen. Spannend und schwierig zugleich – aber voller Glücksgefühl."Weitere Bilder anzeigen
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01.10.2010 12:36Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister Berlins: "Fast alles. Eine neue Zeit war angebrochen. Spannend und schwierig zugleich –...

Tatsächlich aber gelang in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch früheren Funktionsträgern der Systemwechsel, sogar in der Politik. Schwer hatte es da eigentlich nur, wer früher in der SED war und jetzt eine neue politische Heimat bei der SPD suchte. Denn während CDU, CSU und FDP die dem Sozialismus beflissen ergebenen Blockparteien CDU, LDPD, NDPD und DBD samt ihrer Mitglieder, Funktionäre und ihres Vermögens mit offenen Armen empfingen, waren die Sozialdemokraten eher um Distanz bemüht. Die Zwangsvereinigung von 1946 spielte dabei eine Rolle, ebenso die Furcht vor dem Vorwurf, jetzt kollaboriere die SPD mit Kommunisten. So blieben SPD und die zur PDS mutierte SED getrennt, und so diente sich letztere als Sammelbecken an nicht nur für ehemalige Funktionsträger, sondern allgemein für jene, die sich als Wendeverlierer fühlten.

Die Beurteilung der Vergangenheit verändert sich mit der Zeit, aber der Prozess verläuft nicht geradlinig; die Debatte mäandert. Für Wolfgang Berghofers Wechsel in die SPD war es 1990 zu früh, obwohl er, früher Oberbürgermeister von Dresden, als Reformsozialist galt, nicht als Betonkopf. Die Aufarbeitung stand noch am Anfang – auch die der Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989. Berghofer, der als einer der wenigen den Betrug zugab, wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Als sein Wechsel zur SPD scheiterte, ging er in die Wirtschaft und machte Karriere.

Wo stehen wir also heute, 20 Jahre nach der Vereinigung? Gerade schaffte es die erste im Osten aufgewachsene Politikerin als Ministerin in eine westdeutsche Landesregierung; der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hatte die Brandenburgerin Johanna Wanka in sein Kabinett geholt. Kurz darauf wurde Wulff von Angela Merkel, der ersten im Osten aufgewachsenen Bundeskanzlerin, als Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten nominiert. SPD und Grüne stellten als Gegenkandidaten zum Westdeutschen Wulff den früheren Leiter der Stasiunterlagenbehörde auf, den Rostocker Joachim Gauck. Für die ostdeutsch geprägte Linke wiederum kandidierte die westdeutsche Journalistin Luc Jochimsen.

Diese Zeichen an der Spitze des Staates zeigen, dass die generelle Ab- und Ausgrenzungsthese, die vor allem von der Linkspartei vertreten wird, nicht zu halten ist. Mit der Zeit konnte fast jeder auch im vereinten Land seinen Weg gehen; Bürgerrechtler oder Oppositioneller musste dazu niemand gewesen sein. Selbst den DDR-Eliten ist es meistenteils gelungen, ihre Karrieren fortzusetzen oder neue aufzubauen. Ausnahmen betreffen im Wesentlichen frühere Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit sowie Politiker aus dem engeren Führungskreis der SED, wohingegen die reine SED-Mitgliedschaft später kaum Probleme nach sich zog.

Dass Unzufriedene aus dem Osten ihre ablehnende Haltung gegenüber der Bundesrepublik an Jüngere weitergeben, wie Matthias Platzeck meint, ist eher ein unmittelbar politisches als ein kulturelles, gesellschaftliches oder historisches Phänomen. Die Frage, ob die Linkspartei an Koalitionen und damit Regierungen beteiligt wird, entscheidet sich inzwischen überwiegend an gegenwärtigen Personen, Programmen und Problemen.

Soweit unter Integration auch die Teilhabe an Regierungen verstanden wird, kann dies immer nur als Möglichkeit gesehen werden. Gesellschaftlich beruht Integration auf Gegenseitigkeit. Sie setzt die Anerkennung eigener Fehler und der herrschenden Ordnung voraus, aber nicht, wie vielfach vor allem aus den Reihen der Linkspartei unterstellt wird, eine ehrlose Unterwerfung. Wer Respekt vor der eigenen „Biografie“ einfordert, muss auch bereit sein, Verständnis gegenüber dem Leben – und Leiden – anderer zu zeigen.

Hier ist jedoch oftmals eine auf der politischen und gesellschaftlichen Herkunft beruhende identitätsbewahrende Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft zu beobachten. So entsteht zuweilen der Eindruck einer mangelhaften Integrationsleistung der Bundesrepublik. Tatsächlich aber ist die Aufarbeitung der Vergangenheit und die darauf basierende gesellschaftliche Vereinigung weit vorangeschritten. Gelegentlich zu bemerkende Verbitterung ist oft unmittelbarer persönlicher Erfahrung geschuldet, die bei den einen zu Unnachsichtigkeit führt, bei den anderen zu Uneinsichtigkeit.

Der Prozess der Aufarbeitung und Vereinigung ist längst nicht abgeschlossen; die sich daraus ergebenden, immer wieder aufflammenden Debatten schaden der Gesellschaft aber nicht, sondern sie bringen sie weiter und sind auch mit Blick auf die Jüngeren wichtig: Bei Tests in Schulen stellt sich Jahr für Jahr heraus, dass die wenigsten Schüler Erich Honecker richtig einordnen können, die meisten aber die DDR für einen demokratischen Rechtsstaat halten und die Staatssicherheit für einen ganz normalen Geheimdienst. Das zeigt, wie wichtig es ist, die Auseinandersetzung über Vergangenheit und Vereinigung nicht jenen zu überlassen, die alte ideologische Konflikte in die Gegenwart übertragen wollen. Die Eiferer und Verharmloser, die Unnachgiebigen und Uneinsichtigen: Sie schaden diesem Prozess.

Der Autor ist Chefredakteur des Tagesspiegels. Der Text ist eine gekürzte Fassung eines Essays aus dem „Jahrbuch für Politik und Geschichte“, herausgegeben von Claudia Fröhlich, Horst-Alfred Heinrich und Harald Schmid, das in Kürze im Franz-Steiner-Verlag erscheint.

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