Deutsche Einheit : Wir teilen eine Welt zusammen

17 Jahre nach der Einheit: Der Osten fühlt sich unverstanden – aber er versteht sich auch selbst nicht mehr.

Robert Ide

Eine Beerdigung im Erzgebirge. Menschen tragen Gebinde über den Friedhof einer Kleinstadt, ein Trompeter spielt ein Bergmannslied. Ein Mann ist gestorben, der so typisch war für diese schroffe Region: Handwerker, Bauer und Arbeiter in einem. Mit seinen Händen hatte er in einem Werk im Nachbarort Kühlschränke montiert, abends an seinem Haus gewerkelt und am Wochenende seine Felder bewirtschaftet. Für die DDR tat er dabei keinen Handschlag. Zur Bezirksstadt hat er Chemnitz gesagt, niemals Karl-Marx-Stadt.

Irgendwann nach dem Ableben der DDR und der Ankunft im ersehnten vereinten Land kam der Tag, an dem der Mann nichts mehr zu tun hatte – das Kühlschrankwerk wurde geschlossen, Landwirtschaft lohnte sich nicht mehr. Und so saß er auf seinem Hof und fragte sich und seine Besucher: Was wird aus dem Erzgebirge, aus der Heimat? Kann sie sich noch mit eigenen Händen versorgen? Er erzählte von Nachrichten, die er im Fernsehen sah – vom Aufbau Ost, der vorangehe rund um Leipzig und Dresden. Er konnte diese Nachrichten nicht glauben. Wenn er um die Ecke nach Chemnitz fuhr, sah er davon nichts.

Wenn Deutschland in diesen Tagen der Wiedervereinigung gedenkt, erinnert sich das Land an das, was es zusammenhält trotz aller Stereotypen. In Filmen und Geschichten wird erzählt, was in der ostdeutschen Öffentlichkeit zuweilen in Vergessenheit zu geraten droht: wie groß der Freiheitsgewinn ist; wie eng und hart die Grenzen der Diktatur waren; wie ähnlich sich Ost und West schon sind nach 17 Jahren, auch mit ihren sozialen Sorgen. Das eigentliche Problem des Zusammenwachsens zeigt diese Erinnerung allerdings nicht: Es gibt keine innere Einheit in Ostdeutschland.

Die Unterschiede wachsen – zwischen Gewinnern und Verlierern der Wende; zwischen Wachstumskernen und abgehängten Regionen; zwischen jungen Menschen, die ihren Erfolg im Westen gefunden haben, und vielen Älteren, die hilflos zurückbleiben und immer milder auf das zurückschauen, was sie abgeschafft haben: die DDR. Dieser Zustand zehrt an vielen Ostdeutschen, denn sie haben nicht gelernt, mit Unterschieden umzugehen. Und sie haben eine Welt verloren, in der sie sich auszukennen glaubten. Dieser Verlust wird kompensiert mit Nostalgie und dem Ost-West-Konflikt.

In anderen osteuropäischen Staaten wie Polen tobt noch immer die Debatte darum, wie man die herbeidemonstrierte Demokratie ausgestalten will – mit teilweise massiven politischen Verwerfungen. In Ostdeutschland, wo es zumindest materiell viel weniger Grund zum Klagen gibt, werden die Konflikte einer Umbruchsgesellschaft oft verschwiegen oder auf den Westen geschoben. Dabei gehen sie mitten durch die Familien.

Meine Eltern haben mir schon im Sozialismus beigebracht, einen eigenen Weg zu gehen. DDR-Papierfähnchen, die ich aus der Schule mitbrachte, schmissen sie in den Müll. Nach dem Umbruch – ich war 14 und wollte sowieso alles neu machen – folgte ich ihrem Rat. Mein Weg führte mich von ihnen weg, Schritt für Schritt in eine andere Himmelsrichtung: nach Westen. Ich wechselte die Seiten, und ganz nebenbei wurde ich mit der Einheit erwachsen. Auch meine Eltern – damals Mitte 40 – mussten von vorne anfangen. Es galt, sich die neue Freiheit zu nehmen und Entscheidungen zu treffen, die einem früher der Staat abgenommen hatte. Lebenserfahrungen spielten auf einmal keine Rolle mehr, sie waren eher hinderlich. Meine Mutter verlor ihre Arbeit, ihr Großbetrieb wurde abgewickelt – wie mehr als 3000 andere Großbetriebe. Vielen älteren Ostdeutschen fiel es mit jeder Kombinatsschließung schwerer, Vertrauen in die neue Zeit zu fassen. Sie blieben auf der Seite, die sie kannten und richteten sich neue Nischen ein, in denen die Vergangenheit eine Heimstatt fand. Mein Vater geht nicht mehr wählen in der Demokratie, die wir gemeinsam herbeigesehnt haben.

Wir teilen eine Welt zusammen. Diesen Satz, den die Schriftstellerin Simone de Beauvoir in einem ganz anderen Zusammenhang (dem der Liebe) geprägt hat, lebten viele Ostdeutsche vor dem Umbruch So viele Jahre gab es die DDR-Zwänge, mit denen zwar jeder verschieden umging, die man aber zusammen zu ertragen und zu verstehen hatte. Ebenso kollektiv wurden die berauschende Wende und die Ernüchterung der Vereinigung erlebt. Erst am Ende dieser Erlebniskette, nach dem Wiedersehen der Kollegen auf dem Arbeitsamt oder in Umschulungsgruppen, trennten sich viele Wege. Nun musste jeder selbst sehen, wo er bleibt. Und die kleine DDR-Welt, die man erst geteilt und dann abgeschafft hatte, verschwand als Fußnote der Geschichte (was sie im Schulunterricht des geeinten Landes leider immer noch ist). Heute vermissen wenige Ostdeutsche die DDR, aber viele die Welt, von der sie meinen, sie sei einfacher gewesen – einfacher zu verstehen.

In der kleinen Stadt im Erzgebirge gibt es zwei Neubaugebiete. Zunächst das alte, dessen Betonklötze man schon von weitem sieht. Wie in fast jeder größeren Ansiedlung hatte die DDR-Führung hier ein paar Plattenblöcke Sozialismus errichtet. Die Bauten sind inzwischen aufgehübscht worden, die einst nach einem liberalen Antifaschisten benannte Straße heißt jetzt Tulpenweg. Die kleinen Unterkünfte mit neuer Heizung sind billig – und deshalb begehrt.

Das neue Neubaugebiet bildet ebenfalls eine abgeschlossene Welt. Hier sind die neuen Einfamilienhäuser der Wende-Gewinner entstanden, vor den Garagen stehen schwere Autos, die schmalen Bürgersteige sind rot gepflastert. Wer einmal durch diese Ortschaft in der Ortschaft schlendert (oder durch eine der vielen anderen), wird bemerken, dass es den einen Osten, der immer öffentlich herbeizitiert und als schwer verständliches Ganzes untersucht wird, überhaupt nicht gibt. In fast jedem Ort kann man sehen, dass die Zeitenwende kein neues Glück über alle gebracht hat. Das wertvolle Geld ist an einigen Stellen kleben geblieben, ansonsten hat es sich schnell zurückgezogen. Nur wenige Schritte liegen zwischen verlassenen Gütern mit verfallenden Ställen und den mit frischen Blumen geschmückten Kataloghäusern.

Diesen Unterschied gibt es auch innerhalb der ostdeutschen Regionen: der Millionärsboom an den Hängen des Elbtals neben den ausgedünnten Landstrichen an der Oder, aufstrebende Universitätsstädte wie Halle und Jena neben einem verödenden Mansfelder Land. Natürlich ist das normal in einer Wettbewerbsgesellschaft, natürlich war und ist das Alltag in der alten Bundesrepublik. In Ostdeutschland wissen nur viele nicht damit umzugehen. Die Prägung ist eine andere.

Die Lebensverhältnisse haben sich aufgesplittet, die Hecken sind höher gewachsen. Nun schaut jeder nach seinem Rechten und beklagt, da sind sich immerhin alle einig, den fehlenden Gemeinsinn. Die Illusion von einer Gesellschaft der Gleichen – einst von der SED und heute von der Linkspartei verbreitet – wirkt fort. Sehnsüchte werden bedient nach einer Gesellschaft, in der keiner richtig hoch kommt und keiner richtig tief fällt. Dass es schon zu DDR-Zeiten viele Unterschiede gab, dass sich Karrieren nach dem Grad politischer Anpassung bemaßen, dass nicht jeder machen und werden konnte, was er wollte – das wird verdrängt.

Gerechtigkeit, Sicherheit, Geborgenheit, auch Heimat. Nach diesen Werten sehnen sich sozialpolitischen Erhebungen zufolge vor allem unzufriedene Ostdeutsche. Hier empfinden gerade Ältere einen Verlust. Viele dieser Begriffe hatten in der DDR eine eigene Bedeutung. Sicherheit bedeutete Ruhe auf den Straßen und an der Grenze – wenn nötig mit Gewalt. Heimat und Vaterland fielen zusammen und mündeten in die Parole „Unsere Heimat DDR“. Nun ist die DDR weg und viele denken, sie hätten ihre Heimat verloren.

Ein Besuch beim Ossi-Stammtisch: Bankerinnen und Computerspezialisten treffen sich hier regelmäßig, um sich über den Wohnungsmarkt zu unterhalten – und darüber, in welchen Supermärkten Dresdner Stollen zu haben ist. 230 eingetragene Mitglieder hat der Ossi-Stammtisch in Frankfurt am Main. Eine Frau, die zur Begrüßung die Hand über den Tisch reicht, sagt: „Ich bin schon seit fünf Jahren hier drüben.“

Hier drüben. So denken viele Ostdeutsche, die in den Westen gegangen sind. Für sie entsteht eine neue Heimat – mit den Werten des Westens. Im Kopf passiert das auch bei jenen jüngeren Menschen, die im Osten bleiben. Das ergab erst in dieser Woche eine große, für Ostdeutschland durchaus repräsentative Umfrage, der „Sachsen-Anhalt-Monitor“. Auf die Frage, ob sich mit dem Umbruch die Chancen verbessert haben, es im Leben zu etwas zu bringen, sagten fast 80 Prozent der Befragten unter 35 Jahren Ja. Bei den Älteren war es nicht einmal die Hälfte. Die Generationen haben sich auseinandergelebt, auseinandergedacht. Eigentlich ein normaler Vorgang, für Menschen ostdeutscher Prägung fühlt er sich noch immer unerhört an.

1,4 Millionen Menschen hat der Osten seit der Wende an den Westen verloren. Die jungen Flexiblen, die gut Gebildeten, die Frauen – sie gründen drüben Familien und Firmen. Es gehen jene Leute, die eine Gesellschaft braucht, um Hoffnung zu schöpfen, um sich selbst zu hinterfragen, um etwas Eigenes aufzubauen. Sie hinterlassen hübsch sanierte, aber vergreisende Lebensorte, in denen nur wenige Menschen in neuen Neubaugebieten wohnen. Lebensorte, in denen die Betriebe dicht machten, die Kneipen und jetzt die Schulen: Allein in Sachsen werden 800 geschlossen. Eine davon in der Kleinstadt im Erzgebirge.

Nicht wenige der Zurückbleibenden flüchten sich in die Jammerei aus DDR-Tagen. Meckern, sich zurückziehen, nicht mehr teilnehmen, sich durch Trotz verweigern. Dieses Ritual wurde im ostdeutschen Alltag lange eingeübt. Zu DDR-Zeiten war es wichtig, das Private auszuweiten, um die eigene Freiheit zu vergrößern, um Grenzen, die der allgegenwärtige Staat gesetzt hatte, langsam zu verschieben. Heute haben sich Zwischentöne erübrigt, im öffentlichen Raum wird alles direkt gesagt, gefordert, im Konflikt ausgetragen. Viele Ostdeutsche kommen damit nicht zurecht, den Parteienstreit der Berliner Republik und die Amtssprache der neuen Bürokratie verstehen sie nicht. Ansprüche klar zu formulieren und sich etwa mit der Deutschen Rentenversicherung um eine Kur zu streiten, das wird schnell als Demütigung empfunden. So wie Arbeitslosigkeit eine tägliche Demütigung bleibt. Viele ziehen sich in Gedanken zurück in eine Welt, die es gar nicht mehr gibt.

Die Vereinzelung der neuen Welt verstört. Angela Merkel hat sich bis an die Spitze der Bundesrepublik hochgearbeitet. Im Osten wird sie dennoch nicht bewundert wie etwa Regine Hildebrandt. Viele Ältere entdecken an Merkel Züge einer kalten Verräterin – nur am Aufstieg, nicht am Osten interessiert. Dennoch wünschen sie ihr insgeheim Glück gegen das westdeutsche Establishment. Vielleicht denken sie ähnlich von ihren Kindern.

Der Osten fühlt sich vom Westen unverstanden. Aber er versteht sich auch selbst nicht. Über entstandene Unterschiede fällt in den meisten Familien bis heute kein Wort – ebenso wenig über die Fragen, wie hart die Beschränkungen der früheren Welt waren, wie sehr die Stasi auch in die Privaträume der Menschen vordrang, Die Tante, der Onkel, sie könnten ja dabei gewesen sein. Das Schweigen, auch das ein Erbe des DDR-Alltags, hat sich zu einer Kultur entwickelt, in der auch die Erfolgsgeschichten vom Verwahren gegen die Diktatur und vom Erzwingen der Freiheit und der deutschen Einheit zu kurz kommen.

Um heiklen Themen zu entgehen, regen sich Jung und Alt lieber gemeinsam über die Arroganz des Westens auf: Nur so lässt sich die Illusion vom einen Osten aufrechterhalten. Kritische Nachfragen fallen weg. Der Weggang vieler Jüngerer ist auch eine Flucht vor diesem Schweigen; vor der gebückten Haltung der Älteren, die den aufrechten Gang gelernt haben wollen, sich nun aber in der Ostalgie einrichten.

Wenn der Osten als halber Teil eines geeinten Landes verschwinden will, muss er eigene Unterschiede anerkennen, eigenes Unverständnis diskutieren. Erste und zweite Klasse – das war ein Schlagwort des Ostens gegen den Westen. Inzwischen haben sich viele private Vorstellungen geteilt.

Ich habe die gemeinsame Welt ebenfalls verlassen. Ich besuche sie seit einiger Zeit wieder regelmäßig, inzwischen auch zum Reden – wenn sich die Familie trifft in einer Kleinstadt im Erzgebirge.

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