Deutsche in Afghanistan : Aus der Defensive

Seit 2002 leisten deutsche Soldaten in Afghanistan Dienst. Doch die Politiker haben bislang versäumt, die Bürger über Sinn und Zweck der Mission aufzuklären.

Sven Lemkemeyer

Ein Ausdruck aus dem militärischen Sprachgebrauch ist der Begriff „Offensive“. Von der Nato wird er im Einsatz häufig gebraucht, wenn in Afghanistan eine Aktion gegen Taliban-Kämpfer ansteht. In Afghanistan leisten seit 2002 auch deutsche Soldaten Dienst – 3715 sind es zurzeit, um genau zu sein. 3715 Frauen und Männer, die Tag für Tag ihr Leben riskieren für …? Wofür eigentlich? Hat es jemand mal wirklich überzeugend – offensiv – erklärt? Hat Kanzlerin Merkel dem Volk in einer Regierungserklärung nahegebracht, was unsere Soldaten am Hindukusch eigentlich wie, warum und für welche Kosten wie lange noch tun?

Wer deutsche Politiker über Afghanistan reden hört, der spürt förmlich in jedem Satz die Defensive. Scharmützel über jedes neue Mandat, über Einsatzregionen, Tornados und jetzt den von der Nato gewünschten Einsatz der Awacs- Flugzeuge. Um Wiederaufbauhilfe geht es, glaubt man der deutschen Politik, die ohne Sicherheit im Lande nicht zu gewährleisten sei. Es mag an der deutschen Geschichte liegen, dass die Mehrheit der Bundesbürger gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist. Es liegt aber auch daran, dass niemand weiß, was wirklich ist – und man allzu häufig den Eindruck gewinnt, die, die da entscheiden, wüssten es auch nicht.

Wer mit Soldaten spricht, spürt den Frust darüber, dass das, was sie im Auftrag der Politik tun, in der Heimat kaum Unterstützung findet. Sie brauchen keine Scheindebatte darüber, ob es sich bei der Afghanistanmission um einen Kampfeinsatz handelt. Sie wissen, es ist einer. Und sie wissen auch: Sie setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Wenn deutsche Politiker es wirklich für so wichtig halten, was dort – Tausende von Kilometern entfernt – passiert, wird es Zeit, dass sie in die Offensive gehen. Dieser Tage hat jemand, der noch nichts zu entscheiden hat, in der Hauptstadt gezeigt, wie man mit Leidenschaft Politik macht. Den Wählern würde das helfen. Den Soldaten auch.

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