Meinung : Deutsche in den Krieg: Der Preis der Solidarität

Tausende deutsche Soldaten sollen den Amerikanern in Afghanistan zur Seite stehen. Nach allen Zweifeln am Erfolg der Militäraktion - muss das sein? Diese Entscheidung zählt zu den schwersten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Regierung und Parlament übernehmen die höchste Verantwortung: für Menschenleben im Krieg. Eine tiefe Veränderung. Alle gegenwärtigen Einsätze der größer gewordenen Bundesrepublik finden dort statt, wo Frieden gesichert werden muss, im Kosovo, in Bosnien, in Mazedonien. Sie wirken, rückblickend, vom Ziel her defensiv. Am Hindukusch dagegen wird Krieg geführt. Und sei es für eine gerechte Sache, gegen Terror und die menschenverachtenden Taliban - auch im Deutschland von heute lässt sich militärische Zurückhaltung nicht einfach wegkommandieren. Nach einem halben Jahrhundert ohne Krieg.

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Die deutsche Geschichte hat im Verantwortungsbewusstsein und Handeln noch jeder Bundesregierung ihre Entsprechung gefunden. Diese, die rot-grüne, ist besonders herausgefordert, immerhin sind ihre Mitglieder doch in der Tradition der Zurückhaltung groß geworden. In einer Zivilgesellschaft. Gerade das aber kann Vertrauen begründen, dass die Regierung das richtige Maß findet. Dass sie die Angemessenheit wahrt. Auch auf dieser Folie kann sie den Einsatz des Militärs gut begründen.

Die Gegner sind fanatische, aber kühl kalkulierende und hoch rational vorgehende Terroristen. Dass die Taliban Schutz gewähren, dass bin Laden der geistige Kopf der Terror-Hydra ist, hat sich inzwischen als gewiss herausgestellt. Gemeinsam haben sie noch viele Möglichkeiten, Menschenleben zu vernichten - wenn sich ihnen niemand entgegenstellt. Jetzt. Der nächste Schlag darf nicht abgewartet oder erduldet werden.

Ein deutscher Kriegseinsatz schließt nicht aus, die Bemühungen um humanitäre Hilfe, wie sie mit Recht von vielen gefordert wird, zu verstärken. Das ist wichtig, weil auf diese Weise klar wird, dass die Weltallianz Terror verachtet, nicht Menschen. Millionen in Afghanistan leiden Hunger, Tausende sind auf der Flucht und vom Tod bedroht. Doch müssen für die nötige Hilfe Voraussetzungen geschaffen werden - und auch nach Expertenmeinung bestehen sie nicht. Rupert Neudeck, der Vorsitzende der humanitären Organisation Cap Anamur, hat darauf hingewiesen, als er sagte, dass Hilfe unter dem Taliban-Regime nicht gelingen könne.

Ein deutscher Einsatz schließt außerdem nicht aus, über den Sinn von Flächenbombardements und das Abwerfen von Streubomben unter dem Aspekt kritisch zu diskutieren, ob die Zivilbevölkerung in nicht hinnehmbarer Weise leidet. Zum Beispiel auch, weil die so genannten Bomblets genau so gelb sind wie die Nahrungsmittelhilfe. Die Taliban allerdings führen längst Krieg, gegen die Allianz seit vier Wochen, gegen ihre Bevölkerung seit Jahren. Das muss beendet werden. Und in dem Maß, in dem sich die Deutschen beteiligen, haben sie das Recht auf Information, mehr noch: auf Mitsprache, mit welchen Mitteln das geschehen soll. Und mit welchen nicht.

Der Bundestag wird über den Einsatz entscheiden - und er wird zustimmen. Kosovo, Bosnien, Mazedonien, das war bisher der deutsche Weg. Dann kam der 11. September, und seither ist vieles anders. Wie oft hat der Bundeskanzler gesagt, dass es eine Nach-Dienstags-Politik gibt - jetzt begreift Deutschland. Sie ist Realität. Einen Ausweg oder ein Zurück gibt es nicht. Der Angriff auf New York und Washington war eben wirklich nicht nur einer auf die USA, sondern er zielte auch auf uns, auf die gesamte westliche Wertegemeinschaft. Das ist die rationale Größenordnung. Die emotionale ist Ground Zero, das World Trade Center in Asche, die gezielte Verwüstung, die bewusste Vernichtung.

Beides begründet sowohl den Verteidigungs- als auch den Bündnisfall. Der ist festgestellt und ausgerufen. Die Pflicht im Bündnis ist aktive Solidarität. Wer sie nicht üben will, verwirkt seine Rechte der Partnerschaft. Auch das ist die Realität. Über den Umfang eines deutschen Kontingents lässt sich diskutieren, über den Umstand, ob es überhaupt eines geben darf, nicht mehr. Und noch nicht. Solidarität wird in diesem Falle zwingend: Um Menschenleben zu retten. Um langfristig den Frieden zu sichern.

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