Meinung : Deutsche Kardinäle: Duell in roten Roben

Martin Gehlen

Er ist auf ungewöhnliche Weise Kardinal geworden. Und er ist ein ungewöhnlicher Kardinal. Für viele Katholiken, die sich am harschen römischen Einheitskurs der letzten zwei Jahrzehnte aufgerieben haben, ruhen nun die Hoffnungen auf Karl Lehmann, dem vom Papst nachträglich geadelten Mainzer Oberhirten, diplomatischen Zauberkünstler und Chef der deutschen Bischofskonferenz. Stand bislang der Großteil der künftigen Papstwähler in dem Ruf, die von Johannes Paul II. vorangetriebene konservative Linie zu fördern, mit der gestrigen Kardinalsfeier auf dem Petersplatz haben sich die Gewichte verschoben. Der Kreis der Purpurträger ist internationaler und pluraler geworden. Mit Lehmann und seinem Bischofskollegen Walter Kasper haben die Reformer beträchtlich an Boden gewonnen.

Johannes Paul II. hat dies nicht verhindert. Anders als die polarisierende und linientreue Personalpolitik seiner ersten Amtsdekade, setzt er nun, während der Endphase seines Pontifikates stärker auf Integration. Ausgelöst hat diese bemerkenswerte päpstliche Selbstkorrektur nicht zuletzt das Schreiben "Dominus Iesus". Von Kardinal Ratzinger durch die vatikanischen Gremien gepeitscht, reagierten die evangelischen Kirchen auf der ganzen Welt verstört und empört. Die Berufung der beiden Deutschen Kaspar und Lehmann, des Sekretärs des Päpstlichen Einheitsrates für den Dialog mit anderen Kirchen sowie des langjährigen Professors für ökumenische Theologie, soll den von Ratzinger angerichteten Schaden reparieren helfen.

Karl Lehmann ist kein Rebell. Er hat nie einen Zweifel an seiner Romtreue, aber auch nie einen Zweifel an seinen Überzeugungen gelassen. Noch im Heiligen Jahr 2000 sorgte er in Rom für massive Verstimmung, weil er sich hartnäckig für den Verbleib der deutschen Kirche in der Schwangerenkonfliktberatung einsetzte. In einem Interview deutete er an, dass der zunehmend gebrechlich wirkende Johannes Paul II. auch auf sein Amt verzichten könnte. Jahrelang haben der Pontifex und seine Kurie den deutschen Oberbischof dafür links liegengelassen. Bei den regelmäßigen vatikanischen Beförderungsrunden übergangen zu werden, war bereits zum Markenzeichen des 64-jährigen Lehrersohnes geworden.

Mit Lehmann rückt einer der exponiertesten Befürworter einer Neubestimmung der Machtbalance zwischen römischer Zentrale und Ortskirchen in den Kreis der Papstwähler auf. Seine Haltung zu Ökumene und Bischofsrechten machen den neuen Mainzer Kardinal nun zum profiliertesten Gegenspieler Ratzingers, des über "Dominus Iesus" ins Straucheln geratenen Präfekten der Glaubenskongregation. Lehmanns weltweit begrüßte Ernennung signalisiert darum eine doppelte Zäsur: Das starr-zentralistische Kirchenbild bröckelt. Und die Ära Ratzinger neigt sich dem Ende.

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