Deutsche und Gaza : Wenn wir Israel kritisieren

In der Freiheit des Gedankens liegt zugleich die Freiheit, israelische Politik zu loben oder zu kritisieren. Wie die eigene oder die Politik jedes anderen normalen Landes. Was auch heißt, Israel nicht mit besonderen, wiederum selektierenden Maßstäben zu messen. Erst dann enden beide, Antisemitismus und Philosemitismus.

Peter von Becker

Was in diesen Tagen alles zusammenkommt und sich als Peinlichkeit und Kalamität vermengt. Der Deutsche Bundestag will des Massenmords an Europas Juden gedenken, und in Deutschland fühlen sich die Repräsentanten der jüdischen Gemeinden von Präsident und Parlament nicht willkommen geheißen. Ein Eklat. Kurz zuvor hat ein deutscher Papst die Exkommunikation eines bekannten Holocaustleugners revidiert. Gleichzeitig wird auf den Straßen und im Internet, in Deutschland und Europa, besonders heftig gegen die noch unbewiesenen Kriegsverbrechen Israels in Gaza protestiert.

Viel kleinlauter, viel seltener ist dagegen der öffentliche Protest gegen die Raketen der Hamas und die Geiselnahme der palästinensischen Zivilbevölkerung durch ihre eigene politische Führung. Gleichwohl sieht sich Israel jetzt angesichts der über tausend Toten und etwa fünftausend Verletzten, unter ihnen viele Kinder, einer erschreckten Weltöffentlichkeit und bald schon internationalen Ermittlungen gegenüber: ob zur Abwehr des ständigen Raketenbeschusses die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt und Zivilisten in Gaza fahrlässig oder absichtlich mit Phosphormunition beschossen wurden.

Viele Deutsche, die aus historischer Verantwortung und oft persönlicher Sympathie und Kenntnis des Landes, sich „eigentlich auf Seiten Israels“ fühlen, macht diese Gemengelage besonders beklommen. Weil sie jenen selbstgefällig weltbefreiungsseligen Anti-Israel-Protest abstoßend finden, in dem sich aus dem rechten oder linken Lager (mancher Alt-68er und Alt-DDRler) tiefe Ressentiments gegen Juden, „Zionisten“, Amerikaner, Kapitalisten und überhaupt die westlichen Werte mischen. Andererseits möchten weltoffene Deutsche, die nicht Israel an sich, sondern eine seit der Ermordung Jitzchak Rabins vorherrschende Militärpolitik kritisieren, nicht mit der Unterstellung von Antiisraelismus oder gar Antisemitismus konfrontiert werden.

Freilich geht es angesichts eines die Welt erschütternden Konflikts am allerwenigsten um innerdeutsche Seelenweh und Mentalitätsskrupel. Es gibt eine besondere deutsche Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus und ihre Folgen. Aber 60 Jahre nach der völkerrechtlich verankerten Gründung des Staates Israel braucht es keine rituell wohlmeinende (oder wohlfeile) Berufung auf Auschwitz, um das Existenzrecht dieser einzigen Demokratie auf ihrem Stückchen Land in einem Meer der nah- und mittelöstlichen Diktaturen zu verteidigen. Auch ohne deutsche Sondergründe.

Erst in dieser – die Geschichte keineswegs ausblendenden – Freiheit des Gedankens liegt zugleich die Freiheit, israelische Politik zu loben oder zu kritisieren. Wie die eigene oder die Politik jedes anderen normalen Landes. Was auch heißt, Israel (oder „die“ Juden) nicht mit besonderen, wiederum selektierenden Maßstäben zu messen. Erst dann enden beide, Antisemitismus und Philosemitismus. Beides ist übrigens auch ein europäisches Problem, nicht zuletzt in den Staaten der erweiterten EU. Europas Vermittlerrolle im Nahen Osten wäre glaubwürdiger ohne diese eigenen Befangenheiten. Also ist es auch hier zuerst Barack Obama, auf den sich die Hoffnungen richten, das Primat der Politik wieder herzustellen und das Gespräch selbst zwischen ärgsten Feinden zu stiften. In einem blutig tragischen Konflikt, der seit 60 Jahren für keine Seite mit Waffen zu lösen ist.

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