Meinung : Deutsche Verantwortung

„Deutschland muss nicht jedes NS-Opfer entschädigen“ und „Deutschlands wahre Schulden“ vom 4. Februar

Gegen die an Gedenktagen im Bundestag bekundete moralische Verantwortung für Überlebende des nationalsozialistischen Terrors hilft notfalls der Internationale Gerichtshof. Dabei sollten neben den Massakern in Italien und Griechenland die millionenfachen Mordtaten der Wehrmacht beim „Russlandfeldzug“ bedacht werden. Die Stimmen der „slawischen Untermenschen“ sind verstummt, die Nachfolger der Sowjetregierung haben als deren Interessenvertreter versagt. Vor zehn Jahren noch wurden die Anträge von 20 000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen auf Zwangsarbeiterentschädigung, die zufällig die Sterbelager der Wehrmacht und die von den Nazis gewollte „Vernichtung durch Arbeit“ überlebten, abgelehnt. Ihnen wurden ähnliche Paragraphen um die Ohren gehauen wie jenen neun Familien von Opfern des Massakers in Civitella/ Toskana. Die Bankenretter im Bundestag werden zu Pfennigfuchsern, wenn es um die Ansprüche der NS-Opfer geht. Dabei geht es nicht um Entschädigung – wie lässt sich verlorenes Leben entschädigen? Gefordert wird eine Geste der Anerkennung des erlittenen Unrechts. Unsere Regierungsparteien verweisen gerne auf riesige Summen, die in der Vergangenheit an „Wiedergutmachung“ gezahlt worden waren, auf dass Deutschland von seinen westlichen Nachbarn wieder als zivilisiertes Land respektiert wird. Heute erleben wir, dass selbst ein Bruchteil dieser Summe verweigert wird, wenn kein politischer Schaden mehr zu befürchten ist. Moralische Verantwortung? Christliches Erbarmen mit alten Menschen, die bis zum Lebensende unter der Last ihrer Erinnerungen an deutsche Herrenmenschen leiden? Die Bundesregierung sieht nur eine juristische Frage. Ich empfehle den Damen und Herrn im Bundestag und Finanzministerium gegenüber den abgewiesenen NS-Opfern wenigstens eine juristisch unverbindliche „humanitäre Geste“, die mehr als ein Bettelgroschen ist. Sonst gerinnt beim nächsten Gedenktag die bekundete moralische Verantwortung zum leeren Geschwätz.

Eberhard Radczuweit,

Berlin-Schöneberg

Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs zu den Schadenersatzforderungen von Opfern und Opferfamilien der Massaker von SS und Wehrmacht 1943/44 kann sicher niemanden zufriedenstellen, aber wäre es anders ausgegangen, wäre 68 Jahre danach eine Lawine von Klagen wegen aller möglichen Staatsverbrechen losgetreten worden. Es wäre mehr Unfrieden als Frieden gestiftet worden, und das angesichts einer ständig schrumpfenden Zahl direkt Betroffener. Ich lese am gleichen Tag in der Toskana-Ausgabe der Tageszeitung „La Repubblica“, dass Bürgermeister und Parteien der betroffenen Ortschaft Civitella das Urteil zwar „bürokratisch“ nennen, aber Wert darauf legen, dass es sich um eine private Sammelklage und nicht um die Klage ihrer Gemeinde gehandelt habe. Man habe voriges Jahr eine Städtepartnerschaft mit Kämpfelbach in Baden-Württemberg begründet und wolle dafür sorgen, dass junge Menschen erfahren, was 1944 passierte und so etwas nie wieder vorkommen könne. In dem noch schwerer als Civitella betroffenen Ort Sant'Anna di Stazzema (Lucca), wo die SS 560 Menschen umbrachte, haben deutsche Musiker die, beim Massaker zusammen mit den Menschen verbrannte, Orgel wieder errichtet und bieten jeden Sommer ein anspruchsvolles Musikprogramm, ohne dafür Honorare oder auch nur Reisekosten zu verlangen. Wenn Außenminister Westerwelle nun Maßnahmen ankündigt, die der Versöhnung dienen, kann er gleich dort anfangen. (Internet: friedensorgel.italienfreunde.de)

Ulrich Rosenbaum, Berlin-Steglitz

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