Meinung : Deutsche Vergangenheit: Der Kniefall und der Tonfall

Norbert Seitz

Willy Brandts spontaner Kniefall im ehe-maligen Warschauer Ghetto und Richard von Weizsäckers fundierte Rede zum 40. Jahrestag des 8. Mai waren die bedeu-tendsten Momente des staatlichen Geden-kens an die Schrecken des Nationalsozialismus. Dabei ist es gewiss kein Zufall, dass die sprachlose Geste vom Sozialdemokraten kam und die ausgetüftelte Rede vom Parteikonservativen. Als einzige Partei, die 1945 eine weiße Weste behalten hatte, standen Sozialdemokraten nicht in der unabweisbaren Pflicht, große aufklärerische Reden an das zerknirschte deutsche Volk zu halten, das - so der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich - "mit dem Untergang der Naziherrschaft auch die Grundlage seiner Orientierung verloren" hatte.

Aus politischer Vorsicht schienen des-halb Reden vielfach hinter der eigenen authentischen Leidenserfahrung zurückzubleiben. Mit einer Rede, wie sie zum Beispiel der sozialdemokratische Alterspräsident Paul Löbe zur Eröffnung des 1. Deutschen Bundestages am 7. September 1949 hielt, würde heute kein Politiker mehr bestehen können. Sie gedachte zunächst der ums Leben gekommenen Abgeordneten und nicht etwa der jüdischen Opfer, hielt sich bei der Abwehr von Kollektivschuldthesen auf, beklagte Landesteilung und Gefangenenschicksale und löste sogleich in der Geburtsstunde der Bonner Demokratie ein kleinkariertes parteipolitisches Gezänk um die Höhe von Blutopferzöllen im Widerstandskampf aus, was uns ein wenig an den gerade zurückliegenden Oktoberstreit um die Parteienanteile an der Deutschen Einheit erinnern mag, an nichts Gutes jedenfalls.

Auch Ernst Reuters berühmte Hilferufe an die "Völker der Welt" während der Berlin-Blockade 1948 waren nicht frei vom einem vorauseilenden, im Grunde verfrühten Aussöhnungspathos. Die zum Befreiungskampf stilisierte kritische Nachkriegssituation verwandte der frühere Emigrant, um seinem Volk einen Schnellkurs an moralischer Rehabilitation zu attestieren: "Soweit im Bewusstsein der Welt dieser Makel dem Deutschen anhaftete, so können wir sagen: In dem Prozess, den wir heute erleben, wird dieser Makel von dem deutschen Volke abgewaschen."

Bundespräsident Gustav Heinemann hat seine erinnerlichen Reden nicht zum Thema Nationalsozialismus, sondern in Rastatt über 1848, zur Reichsgründung oder zu Friedrich Eberts 100. Geburtstag gehalten.

Auch Willy Brandts Kanzlerrede zum 25. Jahrestag des 8. Mai 1970 vor dem Deut-schen Bundestag war keine herausragende Ansprache, weil sie das Kriegsende zu sehr aus der Perspektive der Opfer der Deutschen bewertete. So blieb für Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag 1985 noch viel zu sagen übrig, was Sozialdemokraten zwar ebenso empfanden, aber so deutlich von Staats wegen auszusprechen nicht für opportun gehalten hatten.

Dass die bedeutendsten Reden zum Nationalsozialismus von aufgeklärten bürger-lichen Politikern gehalten wurden, konnte von daher kein Zufall sein. Kurt Schumacher hätte mit seiner unnachahmlichen Opferarroganz wohl auch von einer verdammten Pflicht und Schuldigkeit gesprochen.

Theodor Heuss lieferte mit seinen Reden zur "Kollektivscham" eine in den 50er Jahren hilfreiche Kategorie. Ernst Bendas Rede über die Nichtverjährbarkeit von NS-Verbrechen war 1965 ein Meilenstein in der Parlamentsgeschichte, nicht nur weil sie eine Regierungsvorlage und mit ihr den damaligen Justizminister zu Fall brachte, sondern auch erstmals einen politischen Bewusstseinsschimmer von der historischen Einmaligkeit nationalsozialistischer Verbrechen vermittelte. Schließlich ließ die Weizsäcker-Rede alles hinter sich, konservative Verdrängung wie sozialdemokratische Vorsicht, denn "Schonung der Gefühle hilft nicht weiter".

Willy Brandts Kniefall in Warschau war eine Geste der Demut und keine der mora-lischen Überhebung. Das abschreckende Beispiel des DDR-Antifaschismus vor Augen sollte er noch Jahre danach seine Partei ermahnen: "Wir Sozialdemokraten wollen und dürfen alte Gräben nicht wieder aufreißen, die innere Aussöhnung nicht gefährden." Geschichtsbewusstsein sei schließlich "keine Sache, derer man sich von Fall zu Fall wie eines Schlagstocks bedienen" könne.

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