Meinung : Deutscher Bauerntag: Grüne Fundis

Ulrike Fokken

Wann ein Schwein glücklich ist, vermag der Mensch nur schwer zu beurteilen. Wenn es frei herumlaufen kann, mit seinen Artgenossen spielen, im Boden wühlen und herumsauen kann, wie es eben will. Das sagen jedenfalls die Ökolandwirte und mit ihnen Tierschützer und Biologen. Für die traditionell denkenden und arbeitenden Landwirte ist Glück keine Kategorie, die für Schweine gilt. Für sie ist ein Schwein gut und - so weit es die Wirtschaft zulässt - glücklich, wenn es gesund ist, schnell heranwächst und einen vernünftigen Preis beim Schlachthof bringt. Ein guter Preis liegt momentan bei 3 Mark 50 das Kilo, das ist immerhin eine Mark mehr als vor einem Jahr.

Schnell und billig wachsen kann das Schwein nur, wenn der Bauer es auf Spaltenböden mästet, die Tiere zusammenpfercht und jedem nicht mehr als einen guten halben Quadratmeter Platz zubilligt. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, überlege sich, wie groß das Bett des heranwachsenden Nachwuchses im Kinderzimmer ist. Wohl an die zwei Quadratmeter. Dort könnte ein deutscher Schweinemäster also gut drei Schweine halten - vorausgesetzt, Kot und Urin fließen durch einen Rost ab, und Tageslicht irritiert die Tiere nicht beim Fleisch ansetzen. Das macht nicht die Schweine glücklich, aber den Landwirt. Und die Nahrungsmittelindustrie, den Einzelhandel und den Verbraucher. Bei dieser optimierten Schweinehaltung bleibt das Schweinefleisch billig, der Absatz groß und die Gewinnmarge auch.

Bei ihrer Vollversammlung präsentieren sich die Landwirte hart, wie die Betonrinne im Maststall. Die Funktionäre des Deutschen Bauernverbands sind den Argumenten für eine tiergerechtere und umweltfreundlichere Landwirtschaft gegenüber nicht aufgeschlossen und lehnen ökologische Innovationen ab. Wohlgemerkt: die Funktionäre. Denn Tausende Landwirte zwischen der Ostsee und dem Allgäu arbeiten bereits auskömmlich mit der sie umgebenden Natur und geben den Tieren, von denen sie leben, einen angemessenen Raum und vernünftiges Futter.

Wie so oft in erstarrten Strukturen, ist auch beim Deutschen Bauernverband die Basis zum Teil weiter als die Funktionäre. Und für die Mehrzahl der Landwirte, die durch die nachweislich falsche Agrarpolitik der vergangenen Landwirtschaftsminister und des Bauernverbands verunsichert sind, arbeiten die Agrarlobbyisten auch heute noch nicht. Uneinsichtig wie zuvor beharren sie auf dem alten System, anstatt sich den notwendigen Neuerungen zu öffnen und den Landwirten, die ihnen noch immer vertrauen, neue Perspektiven zu zeigen.

Die Agrarfunktionäre bemühen als Erklärung für ihre Haltung gern die wirtschaftliche Situation, die Nachfrage der Verbraucher, den Weltmarkt und die von dort drohende Konkurrenz. Dabei sollte sie gerade der Wettbewerb aus dem Ausland zur Bewegung antreiben: Wer sich nicht bewegt, wer nicht innovativ neue Produkte entwickelt, wird vom Markt gefegt. Neue Produkte sind in der Landwirtschaft ökologisch erzeugte Lebensmittel, für die eine wachsende Zahl von Verbrauchern bereit ist, mehr Geld auszugeben. Und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland.

Die deutschen Landwirte könnten also international einen Wettbewerbsvorteil erlangen, wenn sie zertifizierte Öko-Lebensmittel auf den Markt bringen. Für die Landwirte ist die uneinsichtige Haltung des Bauernverbands fatal, für die Verbraucher ärgerlich. Für Landwirtschaftsministerin Renate Künast ist sie ein Problem, ein großes Problem. Wenn es so bleibt, drohen Künasts ambitionierte Ideen zu versickern. Dann bleibt die angekündigte Agrarwende stecken - in der Betonrinne.

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