Deutscher Fußball : Joachim Löw: Ein Trainer auf Widerruf

Der DFB hat den Erfolgstrainer seiner Erfolgsmannschaft in aller Öffentlichkeit demontiert. Beim Fan, der womöglich gerade darüber nachdenkt, ob er für ein Fußballsommer-Reisepaket nach Südafrika eben mal 3000 Euro ausgibt, kommt das so an: Die Vorbereitung des DFB auf das Turnier läuft nicht rund, sondern krumm und schief.

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Fußball ist zum Träumen da. Die Leichtigkeit des Spiels, die Verständigung auf gemeinsame Regeln über alle Grenzen hinweg, die Vereinigung der Fans im Jubel oder der Trauer, eben der besondere, unerwartete, aber doch immer gemeinsame Moment – so kann der Fußball bei seinen größten Festen, den Weltmeisterschaften, Erinnerungen schaffen für Generationen. Das Irre am deutschen Sommermärchen 2006 ist ja gerade, dass es wahr war.

Fußball ist nicht für Funktionäre da. Bis zum größten Fußballverband der Welt ist diese Erkenntnis allerdings nicht vorgedrungen. Statt sich auf die in vier Monaten beginnende Weltmeisterschaft in Südafrika vorzubereiten, bei der man sich nicht weniger als den Titelgewinn vorgenommen hat, zerlegt sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gerade selbst. Ein von Präsident Theo Zwanziger bereits verkündeter neuer Arbeitsvertrag für Bundestrainer Joachim Löw ist in einem Dickicht von Intrigen, Eitelkeiten und Maßlosigkeiten geplatzt. Löw muss nun die deutsche Nationalmannschaft ohne Vertrauensbeweis aus dem eigenen Verband zur WM führen.

Dem Mannschaftsspiel auf dem Platz dürfte das nicht gerade zuträglich sein. Und auch Löw kann eigentlich nichts mehr gewinnen – höchstens einen selbst bestimmten Abschied, den allerdings nur nach einem Titelgewinn. Der DFB unter Führung des sonst so umsichtig agierenden Oberfunktionärs Zwanziger hat den Erfolgstrainer seiner Erfolgsmannschaft in aller Öffentlichkeit demontiert. So wurde Löw seine faktische Macht über die im DFB immer selbstbewusster agierende Nationalmannschaft wieder entzogen und zurück unter die Kuratel der Funktionäre gestellt. Dafür mag es nachvollziehbare Gründe geben (schließlich kann sich ein gemeinnütziger Verband nicht von seiner sportlichen Leitung erpressen lassen, wie es der für Löw verhandelnde Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff offenbar versucht hat). Aber beim Fan, der womöglich gerade darüber nachdenkt, ob er für ein Fußballsommer-Reisepaket nach Südafrika eben mal 3000 Euro ausgibt, kommt eine ganz andere Botschaft an: Die Vorbereitung des DFB auf das Turnier läuft nicht rund, sondern krumm und schief.

Jetzt geht es für den DFB um mehr als den Titelgewinn. Die eigene Modernisierung gerät in Gefahr, die nach der vergeigten Europameisterschaft 2004 sowie einer sportlichen und machtpolitischen Krise in Angriff genommen worden war. Der Muff unter den Trikots sollte endlich verschwinden, und der Plan ging ja zunächst auf: Die Nationalmannschaft trainierte unter Jürgen Klinsmann nach neuen Methoden, der Verband öffnete sich unter Theo Zwanziger für im Fußball lange tabuisierte oder verachtete Gesellschaftsthemen. Mit schnellem Spiel, einem guten Sinn für Tradition und einem zumindest beschworenen neuen Leistungs- und Sozialverständnis des Profifußballs wuchs die Sympathie auch für die von Löw betreute Nationalmannschaft und sogar für seinen Verband.

Manchem Funktionär, der nur noch an das Licht denkt, das dabei auf ihn fällt, scheint dieses Wohlwollen zu Kopf zu steigen. Die Nationalmannschaft ist zum Bespiegelungsprojekt vereinzelter Karrierepläne geworden anstatt zum Spiegelbild einer von der Leichtigkeit des Spiels angesteckten Gesellschaft. Der DFB, der inzwischen oft seine Sozialverantwortung betont (wie nach dem Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke), setzt gerade durch seine internen Zerwürfnisse diese Vorbildwirkung aufs Spiel. Im besten Fall kann der DFB ein florierendes Sportunternehmen sein mit vielfältiger Vereinsarbeit in fast jedem Dorf und gesellschaftlicher Bedeutung weit über die eckigen Tore hinaus; und seine wichtigste Mannschaft gibt bei einer Weltmeisterschaft einen fair und leidenschaftlich dribbelnden Botschafter des Landes ab. Soziales Miteinander und Spaß am eigentlichen Spiel aber lebt der Verband in diesen Tagen nicht vor.

Noch ist für die Fußball-Nationalmannschaft aus dem deutschen Sommermärchen kein Winteralbtraum von Südafrika geworden. Aber der Fan darf sich schon jetzt besorgt fragen: Kann das alles wirklich wahr sein?

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