Meinung : Deutschland diskutiert

Zur Debatte über Thilo Sarrazin

Das passt der Politik wunderbar in den Kram. Niemand mehr redet über die Probleme unseres Landes. Und mit oft heuchlerischer Empörung wird überspielt, dass man dreißig Jahre lang versäumt hat effektive Integrationspolitik zu betreiben und auch heute noch nicht weiss, wie diese zu realisieren ist.

Christian Hill, Berlin-Mariendorf

Sigmar Gabriel räumt ein, dass „Sarrazin in vielen Beschreibungen recht habe". Genau das sind aber die Themen, welche die Bevölkerung beschäftigen und beunruhigen. Die Diskussion darüber, wer welche Gene hat oder nicht hat, geht den meisten Menschen hingegen an einem Körperteil vorbei, zumal viele nur recht nebulöse Vorstellungen über Eigenschaften und Wirksamkeiten von Genen haben. Durch seine überflüssigen und angreifbaren Bemerkungen dazu hat es Sarrazin den Gutmenschen erleichtert, die wahren Probleme weiterhin kleinzureden oder unter den Teppich zu kehren. Dafür sollten sie ihm dankbar sein.

Eberhard Liss, Berlin-Lichterfelde

Tun Sie sich keinen Zwang an, verehrte Herren Schäuble und Gabriel.Tolle Idee, den Thilo aus dem Vorstand der Bundesbank respektive aus der SPD zu werfen. Aber ob das reicht? Schmieden Sie sich ein noch schärferes Schwert: Bürgern Sie ihn aus. Erweitern Sie das Grundgesetz um einen Artikel, der die Ausbürgerung regelt. Außer Thilo gibt es dafür schließlich noch mehr Kandidaten: die Gegner von Stuttgart 21, die Sturköpfe, die wissen wollen, unter welchen Bedingungen die Berliner Wasserbetriebe privatisiert wurden, die Gegner der Überlandleitung durch die Schorfheide, die Kläger gegen das Wahlgesetz in Schleswig-Holstein, und, und, und …

Edmund Köhn, Berlin-Schmargendorf

Ich finde es skandalös, welch breiten Raum Ihre Redaktion den unausgegorenen Halbwahrheiten des Dr. Thilo Sarrazin zur Verfügung stellt. Eine bessere Werbung für sein obskures Buch kann er sich ja gar nicht wünschen! Oder wird das von Ihnen etwa beabsichtigt? Es geht aus meiner Sicht nicht darum, die als richtig anerkannte Kritik unter den Teppich zu kehren und die z. T. schwer verständliche Politik des rot-roten Senats im Umgang mit Sozialschmarotzern schönzureden: aber nicht auf diesem Niveau und mit diesen Bauchgefühlfakten des Herrn Sarrazin. Bitte kehren Sie also zu Ihrer gewohnt seriösen Berichterstattung zurück und lassen diesen Herren seine Ergüsse auf seinen Lesereisen seinem selbstbestimmten Publikum verkünden.

Dr. Dietmar Gunesch,

Berlin-Charlottenburg

Ich stamme aus Tunesien, lebe seit 40 Jahren in Berlin. Ich stimme Herrn Sarrazin zu 99 Prozent zu, denn was er meint, beschreibt genau die Situation, in der sich Deutschland befindet. Ich bin sicher, wenn ein Deutscher oder ein Christ versucht in der Türkei oder in Tunesien sich das zu erlauben, was die Türken und die Araber zurzeit in Deutschland tun, der landet bestimmt im Gefängnis oder wird des Landes verwiesen.

Moncef Ben Aouicha,

Berlin-Wilmersdorf

Mag Herr Sarrazin in einigen Punkten des Pudels Kern getroffen haben. Dies haben andere lange vor ihm erkannt, jedoch gleichzeitig mit den notwendigen Hinweisen und Forderungen an die Gesellschaft - sprich an die Gemeinschaft. Es bleibt festzustellen, dass seine Äußerungen wahrhaft faschistoid im Sinne eines noch im Entstehen begriffenen Faschismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind. Wäre „Herr“ Sarrazin wie meine Wenigkeit als normaler Mensch auf dem Lande oder in der Trümmerstadt Berlin groß geworden, dann hätte er mitbekommen, dass Kopftuch und Kittel tragende Großmütter und Mütter wie auch Familien mit mehr als fünf Kindern den von ihm unanständig, aber selbstverständlich genossenen Wohlstand mit ihrer Hände Arbeit überhaupt erst ermöglicht haben.

Wolfgang Böckel, Berlin-Nikolassee

„Deutschland schafft sich ab“. Wie treffend doch der Titel ist, wenn man die Reaktionen auf Sarrazins Buch liest. Es bricht eine Hatz los, die nur allzu deutlich zeigt, auf welch dünnem demokratischen Eis unsere Republik steht. Diese Hysterie gegen ein Buch, das einige Schwächen und Ungereimtheiten haben mag, demaskiert in dramatischer Weise eine Gesellschaft, die in geradezu panischer Angst zentrale Tabus schützt. Eine solche, einen öffentlichen Diskurs bereits im Ansatz unterdrückende Gesellschaft ist in der Tat nicht fähig, sich nicht abzuschaffen. Sie schafft sich ab, wenn sie nicht auch in möglicherweise etwas verquer daherkommenden Begründungen zentrale Wahrheiten sucht. Geradezu froh sollten wir alle sein, daß Sarrazin ein Thema aufgreift, daß in ganz Europa den rechten Rattenfängern Zulauf verspricht, und zwar weil die Gesellschaft Probleme der Einwanderung unbeachtet läßt, unter dem Mantel des „Wir sind alle lieb miteinander“ als Tabu versteckt"""".

Michael Müthe, Berlin-Schöneberg

Viele finden die Thesen Thilo Sarrazins bedenklich. Ich finde die Art, wie jetzt mit ihm verfahren wird, nicht weniger bedenklich. Er sagt seine Meinung. Doch anstatt in die von ihm angestoßene Diskussion inhaltlich einzusteigen, dreht sich alles nur darum, dass er „Juden“ und „Gene“ in einem Satz erwähnt hat. Deutschland schafft sich nicht nur selbst ab, es hat auch eine erbärmlich Debattenkultur. In Frankreich oder Großbritannien würden alle längst über Inhalte debattieren! Der Mann hat in vielem recht, wer im Wedding als Lehrer arbeitet, erfährt das jeden Tag: Die Mehrzahl der hier lebenden Türken lehnt die deutsche Gesellschaft und ihre Werte rundweg ab. Das ist inakzeptabel.

Frank Peter Jäger,

Berlin-Prenzlauer Berg

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