Deutschland im Schlussverkauf : Das hat doch alles keinen Wert!

13.01.2012 14:49 Uhrvon
Matthias Kalle Foto: privat
Matthias Kalle - Foto: privat

Der Winterschlussverkauf ist eröffnet, Berlins Regierender Bürgermeister will Gratis-Internet für alle und auch der Bundespräsident entpuppt sich als wahrer Sparfuchs. Was der Wert der Dinge über die Werte der Menschen aussagt.

Ich habe im Grunde genommen nichts gegen Anglizismen, you know? Aber ich war doch auch immer ein Fan, wenn nicht ein Supporter, des Winter- beziehungsweise Sommerschlussverkaufs. Kann natürlich auch daran liegen, dass mich die Begriffe an meine Kindheit erinnern, childhood memories halt.

Es gibt ja nun schon lange keinen Winter- beziehungsweise Sommerschlussverkauf mehr. Es gibt in Deutschland den Saisonschlussverkauf, aber den nennt niemand so, alle nennen den Saisonschlussverkauf, der einmal ein Winter- beziehungsweise ein Sommerschlussverkauf war, nur noch „Sale!“. Natürlich mit Ausrufezeichen.

Wann Geschäfte ihren „Sale!“ durchführen bleibt ihnen überlassen, sie sind nicht mehr an eine Saison gebunden, erst Recht nicht an den Winter oder an den Sommer. Tatsächlich sieht die gängige Praxis so aus: „Sale!“ ist immer. „Sale!“ ist ein Dauerzustand – mehr noch - , „Sale!“ ist zudem eine mentale Verfassung. Der Deutsche hat seinen Hang zum Schwermut längst überwunden, der Hang zum Schwermut ist dem Hang zum „Sale!“ gewichen, und deshalb ist die Ankündigung von Klaus Wowereit, in Berlin ein kostenloses Internet für alle anzubieten, eine folgerichtige Entscheidung, denn nach dem „Sale!“ kommt nur noch „Free!“

Aber macht das kostenlose Internet überhaupt Sinn? Am Anfang wolle man das in Berlin vor allem da bereitstellen, wo viele Touristen sind, aber was wollen sich Touristen, die sich doch gerade Berlin anschauen, im Internet anschauen? Wollen die da gucken, wie das Wetter zu Hause ist? Wäre es nicht auch ein schönes Regierungsziel, wenn Berliner, die im Moment noch Geld ausgeben für einen Internetzugang, nicht wochenlang darauf warten müssten? Und überhaupt: Taugen Sachen, die umsonst sind überhaupt was? Gilt nicht, dass nur das, was einen Wert hat, auch was taugt?

Best things in life are free, die Hitliste dieser Dinge führt seit Jahrzehnten Luft & Liebe an, ganz Spitzfindige werden jedoch einwerfen, das selbst die Liebe und die Luft ihren Preis haben – aber nun ja, geschenkt. Schlimm wird es allerdings immer dann, wenn Menschen sich etwas kaufen, nur weil es weniger kostet als vorher. Noch schlimmer ist es, wenn diese Menschen Wege in Kauf nehmen, um sich etwas zu kaufen, das dort weniger kostet, und dabei die einfachsten Rechenleistungen nicht vollbringen können. Und natürlich hat Christian Wulff auch deshalb noch so viele Sympathien in der Bevölkerung, weil er ja auch so ein Schnäppchenfuchs ist: Malle quasi für umme – deutsches Herz, was willst Du mehr!?

Ich mag nichts umsonst bekommen, ich habe dann das Gefühl, das ich das nicht verdient hätte – möglicherweise liegt das ja am Protestantismus, so genau weiß ich das nicht. Abgesehen davon, mag ich den Leuten, die mir eine Ware oder eine Dienstleistung anbieten, dafür gerne das entsprechende Entgelt zukommen – hier greift wohl der kategorische Imperativ.

Vor vielen Jahren, als es in der ARD noch die Talkshow „Boulevard Bio“ gab, waren da Günther Jauch und Herbert Grönemeyer zu Gast. Jauch erzählte davon, wie er manchmal mit seinen Kindern durch den Tiergarten spazieren geht und sich dann immer ärgert, wenn Händler eine Dose Cola zu Wucherpreisen anböten, damals wohl so etwas wie eine Mark. Jauch sagte, er kaufe dann mit Sicherheit so eine Dose Cola nicht, denn das sei ja viel zu teuer. Grönemeyer sagte daraufhin, er kaufe dann immer zwei.

Ich trinke keine Cola, von daher verstehe ich beide.

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