Deutschland ist Weltmeister : WM-Traum? WM-Trauma!

Nemi el-Hassan ist 20 Jahre alt, Studentin in Berlin und Muslimin. Über den WM-Sieg der Nationalmannschaft freut sie sich. Trotzdem macht sie der kollektive Jubel nachdenklich. Denn die Diversität, für die Deutschlands Mannschaft nun auch gefeiert wird, wird in der Gesellschaft noch lange nicht so geschätzt.

Nemi el-Hassan
Im Siegestaumel.
Im Siegestaumel.Foto: dpa

Das Land, dessen Staatsbürgerschaft ich trage, ist außer sich. Hunderttausende haben die deutschen Fußballer auf der  Berliner Fanmeile gefeiert. Wir sind Weltmeister. Ich freue mich. Und doch freue ich mich nicht.

Das hier ist keine Anklage. Es ist keine Suche nach einem Sündenbock, oder eine Wutschrift. Das hier ist einzig und allein der Versuch zu verstehen, warum ich so fühle, wie ich fühle.

Diese Mannschaft hat etwas geschaffen, das ich mir so sehr für die deutsche Zivilgesellschaft wünsche: ein Miteinander, bei dem jeder nach bestem Wissen und Gewissen handelt und mit größter Anstrengung für ein gemeinsames Ziel arbeitet. Dass die einzelnen Spieler unterschiedlicher nicht sein könnten, scheint dieses Miteinander umso mehr zu beleben.

Ich sehe Jérôme Boateng, einen Berliner Jungen aus dem Wedding, Thomas Müller, an dessen Mundart man seine oberbayrische Herkunft noch immer erkennt, Sami Khedira mit seinen arabischen Wurzeln, Shkodran Mustafi, der nach Abpfiff noch auf dem Spielfeld traditionell albanisch tanzt. All diese Unterschiede stecken in einem gemeinsamen Trikot. Würde es sich abseits des Spielfelds genauso verhalten, wäre ich die größte Patriotin dieses Landes. Doch die Diversität, die auf dem Fußballplatz funktioniert, die unsere Mannschaft weltmeisterlich gemacht hat – sie spiegelt sich nicht in unserer Gesellschaft. Die Wertschätzung von Unterschieden ist keine gesellschaftliche Norm.

Das Land der tausend Möglichkeiten

Als ich als Kind libanesischer Kriegsflüchtlinge im Osten Brandenburgs eingeschult wurde, sagte mir mein Vater, ich solle mich anstrengen. Ich müsse jetzt mein Bestes geben, damit ich es später im Leben einfacher hätte. Dieser Satz wurde mein Mantra. Vehement vertrat mein Vater die Überzeugung, dass in Deutschland jedem, der sich nur genug anstrengt, alle Türen offen stünden.

Auch ich glaube, dass Deutschland ein faires Land ist. Fairer zumindest als das Land, in dem meine Eltern aufwuchsen, das ihnen von klein auf jede Chance auf einen höheren Bildungsabschluss nahm. In dem sie keine soziale Absicherung hatten, in dem es keine gesetzliche Krankenversicherung gab und dessen politische und wirtschaftliche Umstände dazu führten, dass mein Vater bereits nach der sechsten Klasse die Schule verließ und als Halbwaise für den Familienunterhalt sorgen musste. Für meinen libanesischen Vater ist Deutschland wahrhaftig das Land der tausend Möglichkeiten.

Der Wille zum Erfolg, den er mir einpflanzte, befähigte mich zu allem das ich bisher erreicht habe. Ich konnte mein Einser-Abi machen und ein Medizinstudium beginnen. Nebenbei arbeite ich in einer gemeinnützigen Stiftung und engagiere mich in mehreren Initiativen und Projekten. Jetzt, wenn alle plötzlich die Vielfalt loben, denke ich über Teilhabe nach. Über Möglichkeiten. Und Grenzen

Ich erinnere mich an die EM 2008, wie ich als 14-Jährige mitgefiebert habe, im Spiel gegen Portugal ganz allein vor unserem Fernseher saß und jubelte. Wie ich das Finale in einem Café mit Freunden verfolgte, die Wangen in schwarz-rot-gold bemalt, das Outfit abgestimmt und am Ende völlig geknickt nach Hause ging. Ich habe mich gefühlt wie der zwölfte Mann. Als ich vor Tagen das Finale in Rio schaute, spürte ich nichts davon. Wann ist mir meine Begeisterung abhanden gekommen. Und warum?

Anekdoten aus der Kategorie "Alltagsrassismus"

Die deutsche Elf hat am wenigsten damit zu tun. Was den Unterschied zwischen der 14-Jährigen Fußballbegeisterten und meinem jetzigen Ich macht, sind die Erfahrungen der Jahre, die zwischen uns liegen. Im vergangenen Winter wurde ich von meinen Patienten im Krankenhaus gefragt, ob ich schon einmal Schnee in meinem Leben gesehen hätte. Es ist eine der netteren Anekdoten, die ich aus der Kategorie Alltagsrassismus erzählen kann.

Manchmal denke ich, dass solche Ereignisse mich stark gemacht haben. Nur muss ich aufpassen, dass Stärke nicht eines Tages in Verbitterung umschlägt. Wenn ich dieser Tage kein „Hoch auf uns“ singen mag, dann hat das einen Grund: Ich weiß schon lange nicht mehr, wer das sein soll, „uns“, oder besser: wir.

Nehmen wir das Beispiel meiner Freundin Albulena. Sie ist in Deutschland als Kind kosovo-albanischer Eltern aufgewachsen. Sie engagiert sich unermüdlich für die islamische Bildungs- und Frauenarbeit. Doch ihr Engagement ist in einem Bewerbungsgespräch nichts wert. Sie erzählt, dass sie sich allzu oft auf ihr nicht-autochthones Aussehen reduziert fühlt – und wenn sie noch so gut Deutsch spricht. Sie gilt als positives Beispiel der Integration, aber eben nie als mehr.

Ein brüchiger Moment der Gemeinschaft

Sie hört Reden von Politikern über eine deutsche Leitkultur und bekommt keine Antwort, wenn sie um eine Definition dieser Kultur bittet. Wenn sie beten möchte, und dafür nach einem ruhigen Ort fragt, wird sie angeschaut als sei sie nicht von dieser Welt. Sie hat das Gefühl, sich verstecken zu müssen, weil das, was sie tut, hier nicht „normal“ ist.

Die Wahrheit ist: Ich würde gern genau so fühlen wie all jene, die gestern auf der Fanmeile standen. Ich würde mich gern ganz offen freuen über das, was die Nationalmannschaft geleistet hat. Das klingt einfach und ist es doch nicht – für mich und viele andere, die „ausländische Wurzeln“ haben. Natürlich gibt es sie, die Mehmets und Alis, die keine Dissonanz zwischen ihren Fangesängen und denen von Susanne und Tobias verspüren. Und das ist auch gut so. Vielleicht sind sie mir einen Schritt voraus.

Während ich noch über Gleichberechtigung nachdenke, Theorien wälze und hitzige Diskussionen führe, feiern sie einfach mit. Ich aber empfinde diesen Moment der Gemeinschaft als sehr brüchig, fast schon surreal. Als einen Zustand, der erst dann gerechtfertigt ist, wenn eine junge, nicht-weiße, libanesischstämmige Bürgerin dieses Landes nicht mehr mit dem Prädikat „Migrationshintergrund“ betitelt wird, sondern als genau so deutsch gilt wie alle anderen auch.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft bereit ist, jeden wahrhaftig und ohne Vorbehalte teilnehmen zu lassen, im wahren Leben, nicht allein auf dem Fußballplatz. Ich wünsche mir, dass es schon bald keinen Grund mehr für meine Zweifel gibt; dass wir alle dasselbe Trikot tragen, ganz gleich ob Oberbayer oder Weddinger. Ich wünsche mir, dass ich bald keinen Grund mehr haben muss für meine Zweifel – und dieses Team bedingungslos feiern kann.

Die Autorin studiert Medizin in Berlin und ist Teilnehmerin des Projekts JUMA - Jung, Muslimisch, Aktiv.

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