Meinung : Deutschland lieben lernen

Warum eine Fußball-WM ohne Patriotismus weder Sinn noch Spaß macht

Markus Hesselmann

Für Nationalmannschaften gilt noch mehr, was der britische Schriftsteller und Fußballfan Nick Hornby für Klubs reklamiert: Man sucht sie sich nicht aus, man wird in die Loyalität hineingeboren. Um dieses Geworfensein anzunehmen, dazu gehört Patriotismus. Damit taten sich deutsche Nachkriegsgenerationen diesseits der Stammtische schwer. „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland“, hat Gustav Heinemann gesagt. Steve Crawshaw stellt das Wort des früheren Bundespräsidenten seinem Buch „Ein leichteres Vaterland. Deutschlands Weg zu einem neuen Selbstverständnis“ voran. Dieser Blick von außen zeigt uns Deutschen, wie easygoing wir offenbar inzwischen sind. Ausgerechnet aus England, wo Deutsche gern in Schaftstiefeln, Braunhemden und Ledermänteln porträtiert werden, erreicht uns diese Botschaft. Crawshaw war Berlin-Korrespondent des „Independent“. Die Nachkriegsjahrzehnte beschreibt er als Zeit doppelter Verdrängung: Erst waren die Verbrechen der Deutschen tabu. Dann, nach „Sixty-eight“, wurden die deutschen Opfer verschwiegen.

Begünstigt durch Bücher wie „Im Krebsgang“ von Günter Grass oder „Der Brand“ von Jörg Friedrich, die sich mit dem Leid der Vertriebenen und den Opfern des Luftkrieges auseinander setzen, sieht Crawshaw nach der Jahrtausendwende die richtige Balance gefunden: die Verantwortung für die deutsche Vergangenheit anzunehmen, ohne sie zu „bewältigen“ oder gar einen Schlussstrich zu ziehen. Und sich gleichzeitig der eigenen Verluste zu vergewissern und ihrer zu gedenken, ohne sich in einer Opferrolle einzurichten und die eigene Schuld am Krieg auf andere abzuwälzen. Deutschland findet so zu einem neuen Selbstverständnis, zu einem neuen, entspannten Patriotismus.

Mit der Diskreditierung des Patriotismus ging der Verlust nationaler Rituale einher. Wurde nach dem „Wunder von Bern“, dem ersten WM-Titelgewinn 1954, im Wankdorfstadion noch trotzig die verbotene erste Strophe des Deutschland-Liedes angestimmt, so sangen 20 Jahre später, vor dem zweiten Finalsieg in München, noch nicht einmal mehr die Spieler die zugelassene dritte Strophe mit. Die deutschen Fußballer seien „falsche Patrioten“, schrieb der spanische Schriftsteller Javier Marias. „Das hat uns gerade noch gefehlt“, scheinen sie zu denken. Dabei sei die „schönste Hymne nach wie vor die deutsche, nicht umsonst ist sie von Haydn. Wie viele andere Dinge haben die Deutschen auch die Musik aus Österreich gestohlen.“

Und die Fans? Viele verleugneten ihr Geworfensein und wurden Anhänger anderer Nationalteams: Vor allem England, auch Schottland, Argentinien oder Brasilien, später Irland oder Kamerun wurden zu gelobten Fußball-Ländern. Auch leicht verquere Gefolgschaften aufrechter BRD-Linker zu DDR oder Sowjetunion sind beobachtet worden: „Ich war ein Zonenhöricht / Und patschte Hand an Hand / Als die Deutsche Demokratsche / Schlug den FC Globkeland“, lautet die Reminiszenz von Horst Tomayer („Konkret“) an das Spiel BRD – DDR bei der WM 1974.

Der Pop-Analytiker Diedrich Diederichsen hat vor der WM 1990 – zwei Jahre vor Nick Hornby – in seinem Aufsatz „Ernster als Leben und Tod“ im „Zeit-Magazin“ die Mechanismen der Fußball-Gefolgschaft letztgültig beschrieben. „Dass ich genauso ‚für’ ‚Deutschland’ ‚war’ wie vorher für den HSV, in dessen Anhängerschaft ich als Hamburger hineingeboren war, war logisch“, schreibt er über seine Initiations-WM 1966. Dabei blieb er. „Auch als Hippie und Commie war ich weiter bei WMs und EMs ‚für’ ‚Deutschland’ … Ich freute mich, wenn der unbändige Idiotenwille miese Unentschieden erkämpfte, denn dies war meine Mannschaft – right or wrong, ich hatte keine Wahl.“

Dann geißelt Diederichsen die Intellektuellen, die das Wesen des Fußballs nicht verstehen: „Widerwärtig jene Kommilitonen, die aus vulgärlinken Sympathien den Sieg Algeriens feierten. Sie wissen nichts. Über den Ernst dieses Spiels, das die einzige, verbliebene, massenverbindliche Metapher des Lebens ist. Wie kann man nur glauben, man habe aus lauter Gesinnung einfach nichts damit zu tun und könne irgendwen Sympathischeres unterstützen.“

Doch die deutsche Vereinigung war für Diederichsen zu viel. Was ihm in der alten Bundesrepublik noch frei von Nationalismus erschien, bekam nun für ihn eine gefährliche Dimension: Deutschland bei der WM 1990 zu unterstützen, war für ihn schwierig. Das Wort Deutschland „meint nicht mehr eine zweisilbige, skandierbare Fiktion, die keiner mehr mit atavistischen, nationalen Empfindungen verband, sondern steht jetzt für alles, was von Wehrmacht über Wiedervereinigung bis Wirtschaftsweltmacht reicht: für eine Macht und die unsouveräne Begeisterung ihrer Untertanen, die auf einmal keine freie, frenetische Masse mehr sind, gepeitscht von namenloser Wut und entfesselter Energie, sondern Kriegsfreiwillige.“ Das „radikale Pamphlet“, als das es die Redaktion des „Zeit-Magazins“ vorsichtshalber angekündigt hatte, kulminierte in einem unsinnigen, die analytische Schärfe des übrigen Textes beleidigenden Faschismusvergleich: „Was also tun? Warten darauf, dass das nächste großdeutsche Team ’94 in den USA genauso die Hucke vollkriegt wie das erste, ’38 gegen die Schweiz (übrigens ebenfalls nach einer WM in Italien, bei der auch schon in Deutschland alles vorbereitet war, aber das Ausland noch nichts merken wollte)?“

Es sollte sich herausstellen, dass in Deutschland nichts „vorbereitet“ wurde, kein Viertes Reich nirgends. Atavistische Rückfälle (Hoyerswerda, Lichtenhagen, Solingen, Mölln) gab es in der Tat, und zwar auf beiden Seiten der einstigen deutsch-deutschen Grenze. Doch das vereinigte Deutschland erwies sich mittelfristig als alles andere als bedrohlich. War die alte Bundesrepublik ein wirtschaftlicher Riese und ein politischer Zwerg, so wuchs das vereinte Deutschland in dem Maße politisch, wie es wirtschaftlich schrumpfte. Der Fußball verhielt sich ebenso antizyklisch: Franz Beckenbauer gelang es, Helmut Kohl noch zu toppen. Dessen Ankündigung „blühender Landschaften“ im Osten wirkt neben des Fußball-Kaisers Wort von der jahrzehntelangen Dominanz des wiedervereinigten Deutschland wie eine wissenschaftlich präzise Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Insoweit behielt Diederichsen Recht: Das „nächste großdeutsche Team“ kriegte tatsächlich „die Hucke voll“: nicht nur 1994 in den USA, sondern auch 1998 in Frankreich und bei der EM 2000 in Belgien und Holland. Dazwischen lag ein Ereignis, das das Drama dieses wunderbaren Spiels wieder einmal über alle Berechnungen und politischen Parallelisierungen stellt: In Wembley wurde Deutschland Europameister und fügte den armen Engländern eine weitere Wunde zu.

Der Autor kennt die von Diederichsen benannten vulgärlinks-antideutschen Gefühle, die auch vor dem Fußball nicht haltmachten. Ich habe lange gebraucht, um die deutsche Mannschaft lieben zu lernen. Für andere – etwa für England – zu sein, war einfacher, als sich zwischen Ostermarsch und Punkfestival mit Leuten auseinander setzen zu müssen, die es nicht verstanden hätten, wenn einer Jupp Derwalls treudeutsche Tretertruppe unterstützte. Man geriet da leicht unter Faschismusverdacht. Irgendwie faschistisch war seit den späten 70-ern alles: der Hausmeister, die Hippies, die Helmuts. „God save the Queen, the fascist regime“, brüllten die Sex Pistols. „California über alles … Zen Fascist will control you. Hundred per cent natural“, hieß es bei den Dead Kennedys. „We don’t need this fascist groove thang“, fügten Heaven 17 hinzu, als Punk in New Wave überging.

„Halt’s Maul, Deutschland“, ließ die Hamburger Band Kolossale Jugend, ein Vorläufer von Tocotronic und Die Sterne, nach dem Mauerfall auf T-Shirts drucken. Ich kaufte mir eins, zog es aber kaum an. Es war mir irgendwann doch zu blöde. In England, bei einem Studienaufenthalt, lernte ich, dass progressives, internationalistisches Denken und Patriotismus sich nicht ausschließen. Und dass es einigermaßen verkopft und verkrampft ist, dauernd das Negative in seinem Land zu suchen. Die Engländer lehrten mich, Deutschland zu lieben. Nicht nur deshalb mag ich England immer noch und gerade deshalb freue ich mich über deutsche Siege gegen England ganz besonders.

Aber im Stadion klingt „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“ in meinen Ohren immer noch deutlich schräger als „Steht auf, wenn Ihr Schalker seid“. Es ist dasselbe mulmige Gefühl, das sich in mir bei den schneidigen, aber für sich genommen noch harmlosen „Sieg“-Rufen in deutschen Fankurven einstellt. Hat da nicht doch wieder irgendein Arschloch „Heil“ gerufen?

Es ist ja auch nicht so, dass das Stadion eine Insel der politisch Korrekten wäre. Fanklubs wie „Borussenfront“ oder „Zyklon B“ trieben jahrelang zwischen Dortmund und Berlin ihr Unwesen. Allen, die seit den 80ern ins Stadion gehen, klingen die Urwaldlaute noch in den Ohren, die sich schwarze Fußballer anhören mussten. Gerald Asamoah etwa, inzwischen umjubelter deutscher Nationalspieler, wurde bei den Aufstiegsspielen zur Zweiten Liga 1997 zwischen seinem damaligen Klub Hannover 96 und dem FC Energie im Cottbuser „Stadion der Freundschaft“ von tausenden Fans mit Affengegrunze bedacht. Otto Addo, Hamburger Junge mit ghanaischen Vorfahren, erging es genauso.

Heute treten die Nazis nicht mehr so offen auf, sie sind wohl auch weniger geworden. Das ist ein Verdienst der Fanbetreuer, vor allem aber auch der selbstdisziplinierenden Kräfte, die in Gang gesetzt werden, wenn sich die Fankultur eines Klubs etabliert und ausdifferenziert, ohne ihre Authentizität zu verlieren. Deshalb ist das Problem in Bundesligaklubs mit ihrer großen, bunten Anhängerschaft kaum mehr zu beobachten. Die Nazis konzentrieren sich auf unterklassige Klubs, wo selbstdisziplinierende Kräfte fehlen und die Klotzköpfe die Hegemonie halten.

Für Deutschland zu sein dürfte diesen Leuten beim Fußball immer schwerer fallen. Uns internationalistischen Patrioten dagegen macht das deutsche Team immer mehr Spaß. Seit der Wahl-Kalifornier Klinsmann Bundestrainer ist, hat man als Fan das Gefühl, Teil eines Erneuerungsprojekts zu sein, das sich gegen alle typisch deutschen Konsequenz- und Krampfdebatten zu behaupten scheint. Es macht Spaß, das deutsche Multikulti-Team – Entschuldigung, es gibt leider noch kein neues für dieses abgelutschte Wort – zu unterstützen. Der ethnische oder geografische Hintergrund eines Spielers wird immer weniger wichtig. Woran sich Fans seit dem Bosman-Urteil von 1995 gewöhnt haben, setzt sich auch in Nationalteams durch. Vier von sechs Spielern im Angriff des deutschen WM-Kaders sind nicht in Deutschland geboren: Miroslav Klose (Opole, Polen), Lukas Podolski (Gliwice, Polen), Oliver Neuville (Gambarogno, Schweiz), Gerald Asamoah (Mampong, Ghana). Zu diesen vier kommen David Odonkor, gebürtiger Westfale ghanaischer Abstammung, sowie der Ur-Westfale Mike Hanke.

Aus der Nationalmannschaft wird immer mehr eine Internationalmannschaft, ohne dabei beliebig zu werden. Der Bezug zu Deutschland muss wie bei Klose und Co. glaubhaft sein, das hat Klinsmann erkannt, als er die Avancen eines Ailton oder eines Ismael, aus Mangel an persönlichen Alternativen in ihrer Heimat Brasilien bzw. Frankreich für Deutschland zu spielen, ablehnte.

Bei den Klubs ist die lokale, regionale oder nationale Herkunft der Spieler zwar nicht mehr so wichtig und alle kulturpessimistischen Überfremdungsfantasien haben sich nicht erfüllt, gern gesehen ist Heimatverbundenheit aber noch. Warum auch nicht. Auf Kohle geboren, das zählt auf Schalke weiterhin als eines von vielen Einstellungskriterien. Olaf Thon war so einer. Noch besser in die Nachfolge der Szepans und Kuzorras aber passen die Altintops, Hamit und Halil, gebürtige Gelsenkirchener mit türkischem Pass. Ihre Vorfahren wanderten einst wie die legendären Spieler der Dreißigerjahre aus dem Osten ein, einem Osten, der halt noch etwas weiter östlich liegt als Masuren.

Was heute zählt, ist die richtige Mischung aus Exotik und Lokalkolorit. Hertha BSC versammelt ein Ensemble von Spielern mit wunderbar undeutschen Familiennamen, aber tiefer Verwurzelung in den Kiezen der Stadt. Im „Kicker-Sonderheft“ der vergangenen Saison wurden für Kovac, Chahed, Fathi, Dejagah und Boateng als jeweils erste Vereine Rapide Wedding, FV Wannsee, Hertha Zehlendorf und zweimal Reinickendorfer Füchse genannt. Det is Berlin! Det is Deutschland! Fällt gar nicht so schwer, beides lieben zu lernen.

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