Meinung : Deutschland privat

Von Jost Müller-Neuhof

-

Die Presse ist ziemlich frei in Deutschland, aber sie darf nicht alles. Sie darf zum Beispiel nicht die StasiAkten von Helmut Kohl durchwühlen, aber wohl Olli Kahn nachstellen, wenn der nachts durch die Clubs zieht. Allerdings könnte das mal so gewesen sein: Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof hat jüngst ein Urteil gefällt, das die Presse deutlich unfreier machen könnte – und mit ihre jene, für die sie arbeitet: die Bürger. Sie lernen Europa gerade von einer ganz neuen, möglicherweise unangenehmen Seite kennen.

Menschen, die öffentlich bekannt sind, haben die Öffentlichkeit zu dulden, wenn sie sich in sie begeben, so lauteten die Regeln bisher, abgesegnet vom Bundesverfassungsgericht. Absolute Personen der Zeitgeschichte, vulgo: A-Prominente müssen gucken, was sie tun und lassen, wenn sie außerhalb von vier Wänden unterwegs sind. Viele, vielleicht die meisten, stören sich nicht daran, im Gegenteil. Wenn keiner guckt, was er so tut oder lässt, wäre etwa Daniel Küblböck kein Prominenter.

Den Straßburger Richtern ist es egal, ob dieses Spiel funktioniert. Weil eine Prinzessin nicht mitmachen will, pfeifen sie es ab: Nach dem Urteil werden die deutschen Medien Bilder von Caroline von Monacos Privatleben und dem anderer Prominenter nicht mehr veröffentlichen dürfen.

Das Gejammer um den Verlust der Pressefreiheit in vielen Verlagshäusern ist scheinheilig. Die anrüchige Arbeit der Paparazzi spült ihnen gutes Geld in die Kassen. Aber das Argument wird noch nicht falsch bloß dadurch, dass die Falschen es vorbringen. Der Straßburger Richterspruch ist ein Rückfall in jene Zeit, in der die Presse noch nicht selbst bestimmen durfte, was und wer wichtig ist. Diese gewaltige Freiheit hat ihren Preis, und das ist die aggressive Yellow Press. Nur sollte man bereit sein, ihn zu zahlen. Denn natürlich ist öffentliches Interesse an Privatem legitim. Wenn Helmut Kohl zum Beispiel seine Stasi-Akte nachts im Wald vergräbt, sollte man ihn dabei ablichten dürfen.

Noch ist nicht klar, welche Grenzen das Urteil genau zieht, und es können auch noch Rechtsmittel eingelegt werden. Caroline von Monaco kann einem in der Tat manchmal leid tun. Aber ihren Menschenrechten geht es soweit ganz gut.

0 Kommentare

Neuester Kommentar