Meinung : Deutschland-Trend: Zwei Umfragen, vier Lehren

Gerd Appenzeller

Selten hat die Politik die Möglichkeit, die Ergebnisse zweier, fast gleichzeitig erfolgter Meinungsumfragen miteinander vergleichen und gegenüberstellen zu können. Gestern ergab sich diese Chance, weil die Forschungsgruppe Wahlen die Berliner zwei Wochen vor der Wahl befragt hat und infratest-dimap bundesweit das Stimmungsbild testete. Das Ergebnis zeigt lehrreiche Übereinstimmungen in den Trends und wirft ein Schlaglicht auf Berliner Besonderheiten.

Lehre Nummer 1: Krisenzeiten sind die Hochzeiten einer Regierung, wenn sie ihre Handlungsfähigkeit entschlossen unter Beweis stellt. Die vom Wähler wenig geschätzte Koalition gewinnt sechs Punkte gegenüber dem Vormonat. Noch nie war das Ansehen des Bundeskanzlers so hoch, noch nie auch sah das Meinungsbild für seine potenziellen Herausforderer so deprimierend aus.

Lehre Nummer 2: Der Wähler (und mehr noch die Wählerin) würdigt führungsstarke Persönlichkeiten immer dann, wenn Führung besonders nötig scheint. Auch hier profitiert die Regierung: Gerhard Schröder, Otto Schily und Joschka Fischer stehen auf dem Gipfel der persönlichen Wertschätzung. 81 Prozent sind mit der Arbeit des Außenministers zufrieden und sogar 89 Prozent der Grünen - keine Spur vom "Spalter" Fischer. Der harte Kurs des Innenministers gegenüber der Kriminalität brachte ihm ein Plus von 18 Prozent in einem einzigen Monat.

Lehre Nummer 3: Der Wähler hat ein gutes Erinnerungsvermögen, anders gesprochen: Er ist nachtragend. In Berlin schneidet die CDU um 15 Prozent schlechter ab als bei der letzten Wahl und um 10 Prozent unter der Bundes-CDU. Die Bankgesellschaft lässt grüßen - und es gilt der Umkehrschluss zu der Beliebheit der starken Persönlichkeiten. Frank Steffel findet selbst bei den Anhängern der CDU nur eine knapp über der Hälfte liegende Zustimmung! Schwacher Trost für die Union: Einen deutlichen Amtsbonus hat sich auch der Regierende Bürgermeister Wowereit noch nicht erarbeiten können.

Lehre Nummer 4: Wer die Sorgen der kleinen Leute nicht ernst nimmt, verliert Wahlen. Die Angst vor dem Verbrechen und seit dem 11. September auch die vor dem Terrorismus bewegt Alte und Junge, treibt einfache Leute mehr um als Intellektuelle. Sage niemand, der Hamburger Amtsrichter Schill sei ein lokales Phänomen ohne bundesweite Abstrahlung. Träte Schill in Berlin an, er bekäme auf Anhieb 18 Prozent und würde damit zur dritten Kraft vor der PDS.

Was den Bund und Berlin eint: Weder im Reichstag noch im Preußischen Landtag erreichte Rot-Grün, würde jetzt gewählt, eine absolute Mehrheit der Mandate. Hier wie dort müsste ein Partner hinzukommen. In beiden Fällen könnten sich die Liberalen anbieten, auch wenn der Berliner Wähler für diese Ampel keine große Sympathie zeigt. Und die Strategen der SPD an der Spree bekommen erneut einen warnenden Hinweis: Zwar gibt es rechnerisch eine rot-rote Mehrheit. Aber nur ganze zehn Prozent der sozialdemokratischen Anhänger sähen eine solche Regierungskoalition mit Wohlwollen.

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