Meinung : Deutschland und USA: Wenn das Vertrauen schwindet

Robert von Rimscha

Zwei Diplomaten sagen heute vor dem Auswärtigen Ausschuss aus. Michael Steiner, Gerhard Schröders Mann für die große weite Welt, und Jürgen Chrobog, noch Botschafter in Washington und bald Staatssekretär im Ministerium Joschka Fischers, müssen sich erklären. Es geht um Verantwortung. Wer gab, was Chrobog über Schröders und George W. Bushs erstes Gespräch berichtete, an die Öffentlichkeit? Und: Hat Steiner den Bericht über Gaddafis Abkehr vom Terror mit einem Schuldeingeständnis für die Lockerbie- und La-Belle-Anschläge aufgebauscht, um die Glaubwürdigkeit des Libyers zu stärken - immer auch im Hinblick auf deutsche Wirtschaftsinteressen in Nordafrika?

Die Fahndung nach der undichten Stelle eignet sich bestens für Schuldvorwürfe. Doch die zweite Frage, die politische, ist wichtiger. Hoffentlich denken die Abgeordneten daran, dass die Protokoll-Panne alles andere als ein isolierter Vorgang ist. Sie fügt sich ein in eine lange Kette von Vorkommnissen, die alle dieselbe unglückselige Wirkung haben: die Erosion von Vertrauen.

Zwischen Berlin, Moskau und Washington ist der Schwund am deutlichsten zu spüren. Zu Jahresbeginn waren es die Amerikaner, die einen bösen Verdacht hatten. Schröder habe Putin bei der weihnachtlichen Schlittenfahrt versprochen, sich bei der nächsten Osterweiterung der Nato als Bremsklotz zu erweisen, damit kein baltischer Staat in die Allianz aufgenommen werde, so hieß es am Potomac. Gegen Gerüchte haben Dementis nur begrenzte Wirkung. Gerade erst sind die USA aus zwei UN-Gremien hinausgeworfen worden. Das Problem dabei: Washington hatte offenbar ein gutes Dutzend schriftliche Zusagen europäischer Staaten, für die USA zu stimmen. Wieder ein böser Verdacht: Wenn ein gutes Dutzend europäischer Staaten plötzlich für den Rauswurf der USA votiert, gab es dann eine Absprache? Gar in Brüssel, gar im Rahmen der EU?

Jetzt streuen deutsche Regierungsvertreter, die USA hätten das größte Interesse an einer Torpedierung der Libyen-Annäherung. Washington als Profiteur der Chrobog-Steiner-Affäre - vielleicht gar als Urheber? Ist das Leck gar nicht in Berlin? Wo derlei auch nur insinuiert wird, um von eigener Verantwortlichkeit abzulenken, da wird nach einer gefährlichen Devise verfahren. Zur innenpolitischen Schadensbegrenzung wird außenpolitisch Porzellan zertrümmert.

Die Scherbenhaufen wachsen. Egal, was Schröder Putin zusagte: Natürlich muss Moskau sich erregen, wenn Berlin und Washington Russland als korruptes Fass ohne Boden darstellen. Egal, wie oft Schröder und Bush die transatlantische Allianz rühmen: Natürlich wird Deutschland aus US-Sicht zum unsicheren Kantonisten, wenn Politik mit Übertreibungen gestaltet und durch Indiskretionen entwertet wird. Das Bild wird noch düsterer, wenn man seine Grundfarbe betrachtet. Washington hat sich weit von Europa abgewandt. Moskau steht letztlich allein da. Und in Deutschland wächst die fatale Neigung, den Graben zu den USA noch zu vertiefen, indem das Bild von Bushs Land auf Böses verkürzt wird: Todesstrafe, Waffenbesitz, Abtreibungsgegnerschaft.

Die Akteure der Nach-Clinton-Zeit haben Belastungen aufgetürmt. Die offen ausgetragenen Konflikte, jene um die Raketenrüstung etwa oder Amerikas Abkehr vom Kyoto-Protokoll, barsch im Ton, aber alt in der Sache, sind erträglich. Das Gewirr an Mutmaßungen, Verdachtsmomenten und Unterstellungen hingegen ist das Besorgnis erregende. Gute Verhältnisse bedürfen der Pflege. Wo Vertrauen schwindet, ist es bis zur Zerrüttung nicht weit.

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