Meinung : Deutschlands Filialleiter: Der Diplomat: eine Antiquität?

Clemens Wergin

Der Neujahrsempfang des diplomatischen Corps beim Bundespräsidenten ist ein bunter Termin: afrikanische Kostüme, arabische Burnusse. Ein Hauch von Exotik in der nüchternen Welt der Diplomatie. Doch das edle Gewerbe befindet sich in der Krise. In der Welt der wöchentlichen Gipfel, roten Telefone und "Chefsachen", die sich per Mausklick um den Globus versenden lassen, droht ein ganzer Stand obsolet zu werden.

Wieviel darf ein Botschafter überhaupt noch selbst vor Ort entscheiden, wo sich sein Außenminister und der des Gastlandes regelmäßig irgendwo sehen - oder zumindest telefonieren. Selbst die "Einbestellung" eines Botschafters, ist kaum mehr als ein Theaterstück - als doppeltes Signal: an die ausländische Regierung und an die eigene Gesellschaft. Wir tun was!

Innerhalb der EU treffen sich die Fachminister häufig, sie brauchen keine bilaterale Vermittlungsinstanz. Auch deswegen forderte Außenminister Fischer im September beim Botschaftertreffen in Berlin ein neues "Dienstleistungsbewusstsein". Die Politik im Hintergrund wird ersetzt durch die der Fernsehscheinwerfer: Immer öfter schalten sich Diplomaten in öffentliche Diskussionen ein und vertreten die Interessen ihres Landes. Bestes Beispiel für diesen neuen Botschafter-Typ ist Israels Avi Primor, der selbst nach der Abberufung weiter ein gefragter Gesprächspartner im Fernsehen blieb.

Nicht allein der Regierung, der Bürgergesellschaft soll der Botschafter dienen: durch Nothilfe, etwa für die deutschen Geiseln auf Jolo. Oder er stellt sich - wie Mitte der 90er in Sambia - vor das Pressehaus einer unabhängigen Zeitung, um die Erstürmung durch die Polizei zu verhindern: ein Grundkurs in Demokratie. Botschafter vertreten heute ihre ganze widersprüchliche Gesellschaft, den Sponti wie den Spießer. Und die Botschaft wird zur Filiale der Deutschland GmbH. Zum Kontaktbüro für Geschäftsanbahnungen. Die Nationalstaaten kämpfen nicht mehr um Territorien, sondern um Marktanteile. Wer solche Dienstleistungen nicht erbringen will, der findet eine Nische in weniger bedeutenden Ländern. In Albaniens Hauptstadt Tirana beispielsweise bestreiten europäische Botschaften das komplette Kulturprogramm - und exportieren so unser offenes Kulturverständnis.

Gegen den viel beklagten Beförderungsstau hilft ein Karriereweg über Aserbaidschan, Elfenbeinküste oder Mongolei nichts. Doch dort entscheiden Diplomaten noch vieles selbst, ist der alte Flair noch zu spüren, Exotik und Folklore inbegriffen.

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