Meinung : DFB-Krise: Die neue Macht des Fußballs

Norbert Seitz

Ein "Tag der Befreiung" sei Christoph Daums Absturz gewesen, titelte die "Süddeutsche Zeitung" in einem Kommentar. Welch hohe Kategorie für einen solch niedrigen Vorgang! Hat sich der Fußball zur Staatsangelegenheit ausgeweitet? Ist die Branche schon so bedeutend geworden, dass zur Beschreibung ihrer abgefeimten Mobbings solch historisch besetzte Topoi herhalten müssen?

Doch leider trifft es zu, dass sich Fußball und Politik selten näher waren als in diesen Tagen. Auf halbem Wege sind sich beide Sphären begegnet - der Fußball als gesellschaftlicher Machtfaktor, die Politik als populistisches Showbiz. Die Daum-Affäre bewies einmal mehr die ungeahnte politische Relevanz der prosperierenden Branche. Nicht nur, weil sich die Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin in die jüngste Affäre einmischte, was die grenzüberschreitenden Fußball-Oberen zu Unrecht für eine Kompetenzanmaßung hielten. Nein, der mittlerweile telekratisch organisierte Volkssport Nummer eins ist zu einem beachtlichen Machtfaktor im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte geworden. Über die Majorisierung der TV-Unterhaltungsbranche hat sich der Kicksport zur gesellschaftlichen Hauptsache entwickelt.

Wie sehr die Politik dies neuerdings zu spüren bekommt, beweisen die unverfrorenen Drohgebärden des Managers des FC Bayern München, Uli Hoeneß, in Sachen Stadionneubau gegenüber gewählten Vertretern der Münchener Bürgerschaft. Im Stile eines populistischen Führers kündigt er den Stadtvätern eine Mobilisierung der Fankurven bei Kommunalwahlen an, falls die volksnahen und publikumsfreundlichen Unterhaltungswünsche des FC Bayern von der bürokratisch abgedrehten Politik nicht endlich realisiert würden. Der Gedanke scheint den Fußballfürsten verlockend, ihr Stadionevent zum plebiszitären Matchwinner einer örtlichen Wahl zu machen - wie bei Roland Kochs erfolgreichem Tackling gegen den rot-grünen Doppelpass.

Hoeneß, der seine Samstagnachmittage in stets ausverkauften Arenen zu verbringen pflegt, mag sich für mächtiger halten als die mickrige bayerische Sozialdemokratie, die um ihre bescheidenen Prozente bangen muss und froh sein darf, wenigstens in München einen OB von FC Bayerns Gnaden zu stellen. Wo aber Medienmacht und Fußballdominanz sich derart verquicken, sind politische Verhältnisse à la Berlusconi nicht mehr fern.

Doch zur neuen Macht des Fußballs gehört gleichsam spiegelbildlich eine medial transformierte Politik, die den populistischen Nahkampf nicht scheut und den Kontakt zur gehobenen Fußballszene für karriereförderlich hält. Vor Wochen wurde sogar vom sympathischen Eindruck eines "neuen Deutschland" geschwärmt. "Nicht steif und technokratisch", sondern "offen, lebensfroh - hochprofessionell" habe sich - so die "Frankfurter Allgemeine" - die deutsche Delegation mit Franz Beckenbauer und Gerhard Schröder an der Spitze in Zürich bei der erfolgreichen WM-Vergabe für 2006 präsentiert.

Fußball und Politik schienen mit einem Male zu mehr als einer bloß symbolischen Verbrüderung fähig. Der Kaiser und der Kanzler gefielen einander auf Augenhöhe. War das nun die Neue Mitte - eine alles andere als staatstragende Politik zu Gast beim Volkssport, der sich seinerseits zur nivellierten Mittelstandsgesellschaft gemausert hat? Hinterher erklärten die Claqueure, beide Hauptdarsteller seien halt gewohnt, nur Dinge anzupacken, die auch ein erfolgreiches Ende versprächen, weil sie innovativ und fortschrittlich seien. Beckenbauer vergaß nicht, den Kanzler lobend zu zitieren, gibt es doch auch im Fußball keine Linken oder Rechten mehr, sondern nur noch DFB-Bürokraten und zeitgemäße Visionäre, die sich die Umwandlung des Weltfußballs in eine Aktiengesellschaft als ehrgeiziges Ziel gesetzt haben.

Und als der Kanzler im Kampf gegen drohende EU-Transfer-Richtlinien für die Großvereine in die Bresche sprang, kam es noch dicker. Eine Tageszeitung wagte sogar eine Hoeneß-Schröder-Analogie: Erfolgreiche Modernisierer unter sich, angefeindet von den Neidern aus der UI-Cup-Zone. Die Neue Mitte beginnt in der Säbener Straße.

Der Fußball sieht sich durch das politische Wohlwollen aufgewertet. Was Wunder, dass die Fußballkaste spießig ihren erworbenen Aufsteigerstatus clean zu halten versucht. Die Steifkragenträger des FC Bayern wollten mit Daum nicht nur einen giftigen Konkurrenten, sondern auch jenen Aufsteiger-Proll loswerden, den sie mit seinen billigen Immobilien- und Rotlichtgeschichten nur als Nestbeschmutzer ihrer nobilitierten Fußballszene empfanden. Auch der Branchenveredler Günter Netzer nannte Daum nicht seinen "Fall" und deklassierte den Gestrauchelten naserümpfend zum unfeinen "Populisten", der den gehobenen Ansprüchen einiger größenwahnsinnig gewordener Fußball-Parvenues offenbar nicht mehr zu genügen schien. Jenen Klassendünkel bekam schon Mitte der 80er Jahre der gestandene Otto Rehhagel zu spüren, als er im Fotofinish Bayern gegen Werder mit Sprüchen vom "verklemmten Arbeiterjungen" mürbe gemacht wurde.

Wer nun einen "Tag der Befreiung" fordert, sollte sich über die institutionellen Alternativen klar sein, die auf den alten strukturkonservativen DFB folgen werden. Denn von Breitners flotten Modernisierungsfloskeln sind keine Befreiungsschläge zu erwarten, sondern nur trübe Tage der Abtretung des deutschen Fußballs an die Goldgräberfantasien der Firma Rummenigge & Co.

Der Autor ist leitender Redakteur der Monatszeitschrift "Neue Gesellschaft".

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