Dialog der Kulturen : Aufklärung und Verdunkelung in China

Das Chinesische Nationalmuseum öffnet sich im nächsten Jahr für eine Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung". Es ist ein ebenso gewaltiges wie überraschendes Projekt, an dem die staatlichen Museen aus Berlin, Dresden und München maßgeblich beteiligt sind.

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Chinas Nationalmuseum befindet sich am Platz des Himmlischen Friedens, es wird derzeit vom deutschen Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner umgebaut und erweitert. Werke der europäischen Aufklärung im Zentrum Pekings, das Allerheiligste der westlichen Geistesgeschichte im Herzen der chinesischen Hauptstadt: Gab es denn jemals mehr kulturellen Wandel und Austausch? Wäre eine solche Schau in Teheran, in Riad oder Islamabad denkbar?

Tatsächlich wird, je kräftiger der Dialog der Kulturen blüht, doch auch der Riss sichtbar – die womöglich nicht zu überbrückende Differenz. Der Friedensnobelpreis für den chinesischen Oppositionellen Liu Xiaobo hat die Staatsführung in Peking zu wüsten Attacken gegen den Westen provoziert. Liu Xiaobo sitzt im Gefängnis, seine Anhänger werden drangsaliert. Internet-Zensur und Mobilfunk-Überwachung waren die chinesische Reaktion auf die Nachricht aus Oslo. Offensichtlich ist die Kommunistische Partei bereit, Aufklärung als fernes historisches Phänomen zu akzeptieren. Im Alltag aber zählen Menschenrechte wenig. Sie gehören in unserer Welt zum zivilisatorisch Selbstverständlichen, in der offiziellen chinesischen Sicht haben Meinungsfreiheit und Menschenwürde ihren Platz im Museum. Sie taugen demnach nicht für gigantische Vielvölkerstaaten, sind ein exotischer Luxus. Peking hat vor Augen, wie Glasnost und Perestroika die einst großmächtige Sowjetunion mit ihren Ethnien auseinanderrissen. Im kleineren europäischen Maßstab gibt es eine ähnliche Erfahrung: Aus Jugoslawien, recht und schlecht durch das autoritäre Tito-Regime zusammengehalten, entwickelte sich eine mörderische balkanische Kleinstaaterei. Im Übrigen hat die Aufklärung nicht verhindert, dass Europa die Welt mit Kolonialherrschaft überzog.

In der Frankfurter Paulskirche hat Friedenspreisträger David Grossman am Sonntag die Hoffnung ausgesprochen, „dass mein Land – Israel – die Kraft finden wird, seine Geschichte noch einmal neu zu schreiben“, im Sinne einer Zweistaatenlösung mit den Palästinensern. Israel ist ein demokratisches, aufgeklärtes Land. Doch die Geschichte erweist sich als stärker. Es mag ein gewagter Sprung sein: Auch China wirft eine vieltausendjährige Geschichte mit aller Macht in die Waagschale. Daran rührt kein Dialog. Austausch und Annäherung fühlen sich gut an, aber sie bleiben fiktiv. Sie verhindern Schlimmeres, immerhin.

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