Meinung : Dialog der Scheinheiligen Von Christoph von Marschall

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Für europäische Ohren klingt es wie das ultimative Eingeständnis von Schuld und Reue. Japan habe durch Kolonialherrschaft und Aggression viel Leid über andere Völker gebracht, sagt Premier Koizumi und bittet um Entschuldigung. Muss das nicht die Chinesen beeindrucken, die vor wenigen Tagen in Massen und ziemlich rabiat gegen Japans Geschichtsvergessenheit protestierten?

Doch die „tiefe Reue“ der Japaner ist ungefähr so glaubwürdig wie die angeblich ganz „spontane“ Empörung der Chinesen. Tatsächlich wagt es weder die Führung in Tokio noch die in Peking, den Nationalstolz ihrer Bürger anzutasten. Während Premier Koizumi in Jakarta die tiefen verbalen Bücklinge machte, suchten daheim 80 Abgeordnete demonstrativ den YasukuniSchrein auf, der Japans Kriegstote ehrt, darunter einige Kriegsverbrecher. Vielen Japanern geht es weniger um die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Täter, sie haben die eigenen Opfer im Blick. Chinas Fernsehen wiederum hat die japanische Entschuldigung einfach unterschlagen. Pekings Regime hat kräftig daran mitgewirkt, die Empörung der letzten Tage zu schüren. Zur Begütigung möchte es offensichtlich nicht beitragen. Dies ist ein Dialog der Tauben und Scheinheiligen. Wo es aber so offenbar an Glaubwürdigkeit mangelt – auf beiden Seiten –, da kann Versöhnung nicht wachsen.

So zeigt der Seitenblick auf Asien, was in Europa in den 60 Jahren seit dem Kriegsende trotz aller Unzulänglichkeiten eben doch gelungen ist: den Krieg als eine Katastrophe zu deuten, die aus schuldhaftem, ja verbrecherischem Denken und Handeln wuchs – und daraus zu lernen. Das deutsche Schuldeingeständnis blieb nicht nur ein Lippenbekenntnis, es wurde durch berührende Gesten wie Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto und eine ganz anders ausgerichtete Außen- und Nachbarschaftspolitik glaubwürdig. Deutschlands Nachbarn wiederum sahen in der Geschichte nicht nur einen Hebel zu ihrem außenpolitischen Nutzen, sondern suchten die Chance zum Neuanfang. Asien ist davon noch weit entfernt.

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