Meinung : Dichten gegen den Westen

Handke ist Teil einer deutschen Tradition

Alexander Gauland

Lassen wir einmal beiseite, dass eine Jury, die sich so verhält wie im Falle Handke, jeden Anspruch auf Kompetenz verwirkt hat, und dass Politiker, die eine literarische Preisverleihung mit politischen Argumenten verhindern, nur ihre Unkenntnis ästhetischer Kategorien unter Beweis stellen. Was an diesem Vorgang deprimiert, ist die Selbstverstümmelung ohne Not und ohne Grund.

Wieder einmal wurde die fade politische Korrektheit zum Maßstab eines intellektuellen und literarischen Werkes. Dabei sind das Schreiben Handkes wie der „Anschwellende Boxgesang“ von Botho Strauß neben der „Blechtrommel“ von Günter Grass die letzten Überreste jener deutschen literarischen Leitkultur, von der bald niemand mehr wissen wird, was sie denn sei, wenn sie denn wieder einmal angerufen wird.

Es ist noch nicht lange her, da studierte man Deutsch, um Rilkes und Benns Gedichte im Original zu lesen, um Heideggers „Sein und Zeit“ vielleicht etwas besser zu verstehen und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von Thomas Mann nachzuspüren. Auch Jüngers „Marmorklippen“ gehörten zu den Büchern, um derentwillen sich manche der Anstrengung des Deutschen unterzogen. Man kann das alles als Spätromantik abtun oder darin den tragischen Versuch sehen, mit welch geistigen und moralischen Mitteln auch immer, uns selbst als besondere Kategorie – die Metaphysik des Ichs gegen eine internationale Regel – ins Feld zu führen, wie es Karl-Heinz Bohrer einmal ausgedrückt hat. Handke gehört in diese Traditionslinie wie eben auch Kleist und Heine selbst, der Namensgeber des Preises. Doch gerade das Widerständige, Verstörende, quer zu den Strömungen westlichen Denkens Liegende machte in der Vergangenheit das originär Deutsche aus, eben das Besondere, von der internationale Regel Abweichende.

Dass Stauffenbergs Tat an Georges Dichten reifte und von den Nazis verfolgte Juden aus dem Schreiben des deutschen Nationalisten Jünger Kraft schöpften, gehört zu jenen deutschen Traditionen, die mit der kleinkarierten Entscheidung von Düsseldorf ausgelöscht wurden. Statt einer ästhetischen Debatte wird eine politische geführt und an die Stelle des untergegangenen historischen Materialismus sind Marktwirtschaft und Menschenrechte getreten, an denen sich alles messen lassen muss. Geistige Weite und Weltoffenheit sehen anders aus. Warum sollen Menschen noch Deutsch lernen, wenn den Deutschen das Werk eines der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller nur Ablehnung und Verdammnis wert ist?

Würde England heute so mit Greene umgehen, Norwegen mit Hamsun oder Amerika mit Ezra Pound? Auf merkwürdige Weise hat sich bei den immer Korrekten, die das „Nie wieder“ verinnerlicht haben, manches vom alten Geist erhalten, zum Beispiel der NS-Propagandaspruch: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun. Nur für das von Claudia Roth geschätzte Bayreuth gilt offensichtlich die ästhetische Maxime: Kunst und Politik sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

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