Meinung : Dick zu sein bedarf es wenig Der Kampf gegen Übergewicht muss in der Kindheit beginnen

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Die Gesundheitswächter in den entwickelten Ländern der Erde sind aufs Höchste alarmiert: Eine neue Seuche breitet sich aus und fordert Jahr für Jahr Millionen Menschenleben. Bei uns ist bereits knapp die Hälfte der Bevölkerung betroffen, in den USA leiden sogar schon fast zwei Drittel daran. Dort wird die Epidemie in Kürze das Rauchen als Killer Nummer eins überholen. Ein Impfstoff ist definitiv nicht in Aussicht, auch alle anderen Heilmittel scheinen wirkungslos zu sein – die Rede ist von Übergewicht und Fettsucht.

Die Weltgesundheitsorganisation hat das mysteriöse Volksleiden bereits zum wichtigsten Gesundheitsproblem des Jahres 2004 deklariert. Bislang sind jedoch nicht einmal die Ursachen geklärt. Da sich die Anzahl der Betroffenen in nur zwei Jahrzehnten verdoppelt hat, kommt eine genetische Veränderung nicht in Frage. Bewegungsarmut, zu viel Fettes und Süßes, Alkohol im Übermaß und ständige Häppchen zwischen den Mahlzeiten gelten bei Ernährungsforschern als Todsünden. Schnellrestaurants, Schokoriegel und Werbung („für den kleinen Hunger zwischendurch“) laden an jeder Ecke zum Sündenfall ein. Doch warum gelingt es dem einen, zu widerstehen, während der andere wie süchtig der Fresslust verfällt?

Zwei am vergangenen Freitag veröffentlichte Studien könnten aufklären, ob Dicke an ihrem Schicksal selbst schuld sind. Die Forscher vom Primatenzentrum in Oregon und der Rockefeller-Universität in New York untersuchten das „Schlankmacher-Hormon“ Leptin. Durch diesen Botenstoff, der von Fettzellen ins Blut abgegeben wird, erkennt das Gehirn, wie gut der Körper gerade ernährt ist und steuert unbewusst gegen: Je mehr Leptin im Blut zirkuliert, desto stärker wird der Appetit gedrosselt. Menschen, bei denen – wegen einer sehr seltenen Erbkrankheit – das Leptin-Gen defekt ist, werden deshalb unermesslich dick. Die neuen Untersuchungen an Mäusen förderten nun eine weitere, erstaunliche Fähigkeit des Schlankmacher-Hormons zu Tage: Leptin kann nicht nur das Gehirn steuern, sondern auch seine Entwicklung beeinflussen. Unter dem Einfluss von Leptin bilden sich Nervenbahnen aus, die offenbar den individuellen Sollwert für den Fettgehalt des Körpers festlegen. Ähnlich wie beim Gedächtnis erinnert sich der Körper noch jahrelang an den einmal einprogrammierten Wert. Die US-Forscher vermuten deshalb, dass eine falsche Verdrahtung der Nervenleitungen am Leiden der Dicken zumindest mitschuldig ist.

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen. Die erste: Der Schlüssel zur Bekämpfung von Übergewicht liegt in der Kindheit. Weil der Mensch in seiner Evolution immer um Nahrung kämpfen musste, wird er mit der ständigen Angst vorm Verhungern geboren – richtig Essen muss gelernt werden wie Sprechen und Autofahren. Wenn Kinder nicht lernen, bewusst zu essen und auf ihr Sättigungsgefühl zu hören, speichert ihr Gehirn einen falschen Sollwert für das Körperfett ein, mit dem sie ein Leben lang zu kämpfen haben.

Die zweite Konsequenz betrifft alle, die sich darüber ärgern, dass sie es auch dieses Jahr wieder nicht geschafft haben, vor Ostern abzunehmen: Zur nachhaltigen Gewichtsreduktion ist Fasten vollkommen sinnlos. Der einmal gespeicherte Sollwert des Körperfetts kann nur durch langsame Anpassung verstellt werden – das bedeutet Diät und Disziplin über viele Monate. Die Mönche des Mittelalters haben deshalb gar nicht erst versucht, während der 40 Tage Fastenzeit abzunehmen: Das eigens gebraute, auch mit Honig angereicherte Starkbier ist ernährungstechnisch eine Todsünde.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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