Meinung : Dicke Luft, nicht nur in der Oper

Berichterstattung zu Berlin

J.H. Kirchner beschreibt zutreffend die Situation im öffentlichen Raum Berlins. Er beschreibt ebenfalls richtig die Entwicklung in New York (er hätte auch noch Singapur, London und Wien hinzusetzen können). Aber die einzige Konsequenz, die er ziehen möchte, ist der Appell: „Berliner geht doch netter mit eurer Stadt um“. Als wenn derjenige, der seine Bierflasche einfach dort abstellt, wo er gerade beim letzten Schluck gestanden hat, der sich nach den gut erkennbaren Ordnungsamtsmitarbeitern erst umsieht, um dann den Dreck seines Hundes zurückzulassen, oder derjenige, der in der Dunkelheit den Müll von seinem Laubengrundstück gerade noch vor die Einfriedung derselben stellt, durch irgendwelche Appelle zu anderem Handeln animiert würde.

Mit dieser „Wir lieben doch alle unsere Stadt“-Haltung werden wir in zehn Jahren endgültig einen verwahrlosten öffentlichen Raum haben, denn genauso lange hat die politische Kaste bisher schon die Entwicklung wirkungslos begleitet. Ja, ich möchte die Verhältnisse wie in den eingangs genannten Städten und die meisten Mitbürger möchten das auch, nur werden sie nicht ernsthaft dazu befragt, und nein, ich habe mich in keiner dieser Städte unfrei gefühlt.

Joachim Schwartzkopf, Berlin-Heiligensee

Als mehrjähriger Abonnent möchte ich einmal über eine von mir erlebte Nacht von Sonnabend auf Sonntag schreiben, wie sie mir in dem häufig beschriebenen „spannenden, weltoffenen und bunten Berlin“ widerfuhr, in welches ich vor acht Jahren nach fast 40 Jahren Dienstzeit als Berufsoffizier mit viel Begeisterung umgezogen war. Ich sah in der Deutschen Oper den Abschieds-„Tannhäuser“ von der scheidenden Intendantin, Frau Kirsten Harms, und wurde so Zeuge des Auftritts von Herrn Wowereit. Ein derartiges Buh-Gewitter habe ich zuvor noch nie erlebt. Rufe wie „Hau ab!“ mischten sich in meinem Bereich in diesen Lärm. Gegen 23.30 Uhr ging ich in operngemäßer Bekleidung zur U-Bahn. Was sich in dieser U-Bahn zwischen Gleisdreieck und Warschauer Straße abspielte, habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, selbst nicht in München in einer späten Oktoberfest-S-Bahn. Bisher habe ich in Großstädten immer dem öffentlichen Verkehrsmittel den Vorzug gegeben. Handelte es sich vielleicht bei diesen „Passagieren“ um das bunte, fröhliche Partyvolk, wie es immer wieder so nett verharmlosend beschrieben wird? Besoffen, bekifft, verdreckt, nach Schweiß und übleren Ausdünstungen stinkend, lärmend, schreiend, grölend, mich bedrängend! Wenn Berlin auf diese Leute stolz ist, kann ich die anderen europäischen Hauptstädte nur beglückwünschen, dass es ihnen gelungen ist, diesen Pöbel an Berlin loszuwerden. In Paris oder Wien, wo ich mich häufig aufhalte, ist mir solches in Stadtzentren und öffentlichen Verkehrsmitteln nie widerfahren. Unnötig zu erwähnen, dass von Ordnungskräften weit und breit nicht zu sehen war.

Warum schreibe ich das alles? Weil ich es nicht mehr hören kann, wie toll und großartig dieses bunte, spannende, multikulturelle Berlin und dieses ach so weltoffene Deutschland seien! Weil ich ständig lesen muss, wie phantastisch diese Demokratie funktioniert. Weil ich das sinnlose Geseire der Politiker der im Parlament vertretenen Parteien nicht mehr ertrage. Weil von Demokratie und Meinungsfreiheit geredet wird, und in der Realität sich viele Leute nicht mehr trauen, freimütig ihre Meinung zu sagen. Demokratie in Deutschland! Ich sehe dieses Land, das ich mit seinen noch nicht mit Windrädern, Pumpspeicherbecken und Hochspannungsleitungen zugepflasterten Landschaften, mit seinen Städten, mit seiner faszinierenden Geschichte, die sich nicht nur auf das Dritte Reich reduzieren lässt, und seiner großartigen Kultur, ich sehe dieses Land, das ich immer noch liebe, in großer Gefahr, wenn es weiter in der Hand von Politikern bleibt, die Deutschland sagen und ihre persönliche Karriere und Vorteile meinen. Wo sind die Brandts und Schmidts, die Adenauers, Strauß’ und Wehners, die Weizsäckers, Scheels und Erhardts, die Politik für unser Land gemacht haben, aber nicht, um sich in ihren Eitelkeiten im Fernsehen präsentieren zu können?

Harald Heinrich,

Berlin-Friedrichshagen

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