Meinung : Die alten Gespenster

Jens Glüsing

Argentinien lässt sich nicht ohne die Peronisten regieren, aber mit ihnen auch nicht - jedenfalls nicht, solange sich die wichtigste Massenbewegung nicht auf einen neuen Chef geeinigt hat. Das ist die Lehre aus den politischen Wirren der vergangenen Wochen. Vor fast dreißig Jahren rief eine schwache Regierung den alten und kranken Perón aus dem spanischen Exil zurück, um das politische Patt in Buenos Aires aufzulösen. Der Greis starb, bevor er sein Mandat zu Ende bringen konnte. Seine Witwe Isabelita hatte nicht das Charisma, um die zerstrittenen Partei zu einigen, sie führte das Land ins Chaos. Links- und Rechtsperonisten lieferten sich einen offenen Bürgerkrieg, bis 1976 das Militär die Macht übernahm. Viele Argentinier bekommen noch heute eine Gänsehaut, wenn sie an die 70er Jahre denken. Und nicht wenige ziehen Parallelen zur Gegenwart. Allerdings haben heute nicht einmal mehr die Generäle Lust auf die Macht im abgewirtschafteten La-Plata-Staat.

Das ist die wohl einzige gute Nachricht. Denn dass der Peronist Eduardo Duhalde die Statur und den Rückhalt in seiner Partei hat, um das Land aus der Krise zu führen, bezweifeln nicht nur seine Kritiker. Am ehesten kann Duhalde sich noch auf die Hilfe der linken und bürgerlichen Oppositionsparteien verlassen, die Caudillos seiner eigenen Partei dürften ihm schon bald in den Rücken fallen. Sie wollen schließlich selbst im nächsten Jahr Präsident werden.

Wenigstens versprach der neue Mann keine Wunder - die Regierung "besitzt nicht einen Peso", bekannte Duhalde nach seiner Ernennung. Zu Recht macht er das "moralische Versagen" der politischen Klasse für die Krise verantwortlich. Dabei verschwieg er, dass er selbst dieser Klasse angehört. Seine Amtszeit als Gouverneur der Provinz Buenos Aires war von Geldwäsche-Skandalen und Korruptionsvorwürfen überschattet. So gingen empörte Bürger gestern wieder auf die Straße und forderten Neuwahlen.

Duhalde ist ein Caudillo der alten Garde. Beim Amtsantritt beschwor er den Geist von Perón und Evita, doch mit diesen alten Gespenstern ist kein Staat mehr zu machen. Perón schottete die Wirtschaft ab und baute eine eigene Industrie auf, aber im Zeitalter der Globalisierung ist dieser Weg verbaut: Argentiniens Binnenmarkt ist zu klein, um eine eigene Industrie zu ernähren. Die einzige Hoffnung liegt im Export, doch da standen bislang der teure Peso und Brüssel im Wege. Die Regierung kann nicht darauf vertrauen, dass die Industrieländer ihre Märkte öffnen, um dem Land aus der Krise zu helfen. Duhalde misstraut der Marktwirtschaft, predigt Nationalismus und fordert ein neues Wirtschaftsmodell. Wie das aussehen soll, ließ er offen. Sicher ist nur: Die Dollarbindung des Pesos wird er aufgeben, auch eine neue Währung wird es nicht geben. Um eine Massenpleite im Volk abzuwenden, wird die Regierung wahrscheinlich sämtliche Dollarschulden in Pesos umwandeln und noch mehr Schuldscheine ausgeben. Millionen Argentinier werden jetzt auch am Bankschalter erfahren, dass sie die letzten zehn Jahre mit einer Illusion gelebt haben.

Argentinien sei ein "reiches Land mit einer armen Bevölkerung", erkannte der neue Präsident. Nur eine breite Mittelschicht bürgt jedoch für politische Stabilität. Wenn Duhalde politisch überleben will, muss er daher der Mittelschicht Hoffnung machen, nicht nur seinen peronistischen Anhängern.

Der Peronist Carlos Menem, der anfangs vom Establishment belächelt wurde, gaukelte den Wählern erfolgreich vor, Argentinien sei unter seiner Herrschaft in die Erste Welt aufgestiegen. Der Peronist Duhalde muss seinen Landsleuten jetzt erklären, wie er den Abstieg in die Dritte Welt aufhalten will.

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