Meinung : Die Angst der Soldaten vor dem Krieg

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Von Jacob Heilbrunn

Europa ist besorgt. Natürlich. Ein Krieg gegen Irak könnte bedrohliche Konsequenzen haben, besonders dann, wenn man keinen Plan für die Nachkriegszeit hat. Die Stärke der irakischen Armee ist nicht zu unterschätzen, ein massiver Einsatz amerikanischer Truppen wäre unabdingbar. Womöglich würde auch die Weltwirtschaft erhebliche Verluste erleiden.

Europa ist also mehr als beunruhigt angesichts der möglichen Ideen der ach so kriegsvernarrten Amerikaner. Doch da gibt es noch einen Zweiten, der vielleicht sogar schwerer an erheblicheren Bedenken trägt – das Pentagon! Die Befehlshaber der amerikanischen Armee sind absolut gegen einen Krieg. Sie sprechen sich vielmehr entschieden dafür aus, die jetzige Strategie beizubehalten, Saddam einzudämmen und handlungsunfähig zu machen. Niemand hat mehr Angst vor einem Krieg und niemand kämpft härter gegen die Bush-Regierung als das Militär. – Und an der Seite des Militärs steht kein geringerer als Außenminister Colin Powell. Angesichts des möglichen Schadens für die Allianz und des hohen Risikos, ist er ein vehementer Gegner.

Von daher ist das tradierte europäische Bild von einer kriegsbesessenen Bush-Regierung zwar nicht ganz falsch, aber eben auch nicht vollständig. In den USA wird die ohnehin lebhafte Diskussion immer heftiger, weil die Regierung anscheinend keinen Plan hat. Gleichzeitig aber wird deutlicher, dass Mitarbeiter von Präsident Bush, wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, unbedingt einen Krieg führen möchten.

Der Senat hat zwei Tage lang über diese Fragen beraten. Dabei kamen sogar häufig die Bedenken des Auslands zur Sprache. Denn obwohl Europa sich übergangen fühlt, hört man auf das Ausland, wenigstens im Senat. In Europa neigt man dazu, zu vergessen, dass die US-Regierung nicht nur aus Bush und seiner Mannschaft besteht.

Man könnte sagen, dass die Senats-Sitzungen ein Triumph der amerikanischen Demokratie sind, dass Fragen eben nicht wie in einer Diktatur behandelt und vor allem beantwortet werden, obwohl die Bush-Regierung, mit ihrer Vorliebe für Geheimnisse das wahrscheinlich gern so hätte.

Wenn die USA in einen Krieg ziehen, werden sie nicht in ihn hineinschleichen, sondern diesen Weg festen Schrittes und erhobenen Hauptes bewusst gehen. Mittlerweile scheint es wahrscheinlicher zu sein, dass der Krieg kommt, als dass er nicht kommt. Niemand unterschätzt die Gefahr, dass Saddam an nukleare Waffen gelangen könnte und seinen Vorrat an biologischen und chemischen Waffen aufstocken wird.

Aber auch wenn dieser Krieg tatsächlich begonnen wird, bedeutet das nicht gleichzeitig, dass er auch erfolgreich geführt und vor allen Dingen beendet werden kann. George W. Bush könnte immer noch als zweiter Lyndon B. Johnson in die Geschichte eingehen, der die Wirtschaft und die Außenpolitik ruinierte, während die Arabische Welt in Flammen aufging – was im übrigen Osama Bin Ladens eigentliche Idee war und bleibt.

Das ist das Risiko, das Bush trotz der Bedenken des Militärs eingeht. Er pokert sehr hoch und man kann nur hoffen, dass er seine Karten richtig ausspielt.

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times“. Foto: privat

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