Meinung : Die Angst nach der Erleichterung

Der Blackout in Amerika zeigt neue Angriffspunkte für Terror

Christoph von Marschall

Als die Lichter erloschen, zogen Millionen Amerikaner die Verbindungslinie. Sie konnten gar nicht anders, zu tief sitzt der Schock des 11. September. Osama bin Laden hat wieder zugeschlagen. Millionen rund um die Welt ging es nicht anders. Es folgte Erleichterung: Nicht Terror löste den größten Stromausfall in der Geschichte Amerikas aus, die Technik selbst bewirkte, dass eine kleine Ursache Folgen für Millionen hatte.

Dürfen wir erleichtert sein? Müsste man diesen Gedanken nicht weiter verfolgen: Was wäre, wenn der Blackout das Ziel eines Terrorangriffs gewesen wäre? Und muss man nicht spätestens jetzt annehmen, dass das Beispiel Terroristen auf solche Gedanken bringt? Die Reichweite dieser Havarie war gigantisch. Gewiss, es gibt Notstromaggregate, nicht nur für die Freiheitsstatue, auch in Krankenhäusern und vielen lebenswichtigen Einrichtungen. Aber der öffentliche Nahverkehr brach zusammen, Computer, Telefone, auch Handynetze waren nicht mehr benutzbar. Ganze Industriezweige waren lahmgelegt, erstens weil ihnen der Strom fehlte, zweitens weil die Menschen nicht zur Arbeit kommen konnten. Der Ausfall von Kühlsystemen und Eisschränken hat große Mengen Lebensmittel vernichtet. Der Blackout hat uns selbst, aber auch den Feinden unserer Lebensweise gezeigt, wie verwundbar unsere Gesellschaften an dieser Stelle sind.

Es gab, Gott sei Dank, keine 3000 Toten, wie am 11. September. Jeder Vergleich wirkt da vermessen. Und doch gibt es Parallelen. In beiden Fällen schützten die Sicherungsmechanismen plötzlich nicht mehr das System, sondern wirkten gerade umgekehrt: Sie führten zu seinem Zusammenbruch. Beim Anschlag auf das World Trade Center nutzten die Terroristen die Konstruktion, die diesen hohen Bau ermöglicht hatte, zu seiner Zerstörung. Beim Stromnetz bewirkten die eingebauten Sicherungen gegen Spannungsabfall und für den Ausgleich zwischen Netzteilen in einem Dominoeffekt den Komplettausfall.

Sage keiner: Was unbeabsichtigt als Panne eintrat, könne man nicht mutwillig herbeiführen – mit dann mutmaßlich auch schlimmeren Folgen. Die sich nicht in Stunden oder wenigen Tagen beheben lassen – mit enormen wirtschaftlichen Folgen. In Amerika ist das möglich, das ist nun bewiesen. Und hier bei uns? Die Experten sagen: nein. Weil wir ein engmaschigeres Netz haben. Und höhere Sicherheitsstandards.

Aber ein gedankliches Problem bleibt. All diese Systeme wurden zum Schutz vor Unglücksfällen entwickelt, nicht zur Abwehr von Angriffen, die diese Sicherungssysteme gezielt zum Gegenteil ihres Zwecks benutzen. In Europa regeln einige wenige Steuerungszentralen dieses engmaschige Netz. Ist es wirklich unmöglich, dass diese Hirne unserer Stromversorgung gegen uns arbeiten?

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