Die Atomwende : Der Stresstest kommt noch

Im Angesicht der Atomruinen von Fukushima könnte es doch noch zur Energiewende in Deutschland kommen. Stellt sich die Bundesregierung diesen Aufgaben, könnte sie einen entscheidenden Schritt zur Modernisierung der Industriegesellschaft in eine klimafreundliche Zukunft machen.

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Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze gekommen. Nun bestätigt der Betreiber Tepco, dass die Brennstäbe auch in den Blöcken zwei und drei geschmolzen seien. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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24.05.2011 07:40Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze...

Es ist der Blick in den Abgrund, ein Blick in die Atomruinen von Fukushima, der nun also doch noch zu einer ernst zu nehmenden Energiewende in Deutschland führen könnte. Beim Blick in den Abgrund haben die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und einige ihrer Mitstreiter zwei Dinge gesehen, die sie vor einem Jahr noch für undenkbar gehalten hatten. Zum einen, dass in einem Hochtechnologieland wie Japan Atomreaktoren außer Kontrolle geraten können. Und zum anderen die vermutlich noch wichtigere Erkenntnis, dass eine Atomkatastrophe wahlentscheidend sein kann. Das wissen Merkel und Co. seit einer knappen Woche. Nachdem Schwarz-Gelb vor zwei Jahren mit der Parole „Ausstieg aus dem Ausstieg“ in die Bundestagswahl zog und trotzdem gewählt wurde, hatten die Parteistrategen angenommen, dass die Atomkraft zwar umstritten, aber eben nun gerade nicht wahlentscheidend sei. Vielleicht ist auch die Erkenntnis ins Bewusstsein der Regierenden gesickert, dass Deutschland unter ähnlichen Bedingungen vermutlich auch nicht die beste Figur abgeben würde.

Vielleicht ist der Schock groß genug, um nun das zu tun, was die Regierung schon vor einem halben Jahr, in ihrem „Herbst der Entscheidungen“ hätte tun müssen: einen Energiekonsens für Deutschland zu finden. Wenn die Wende ernst gemeint ist, ergeben sich daraus so viele Aufgaben, dass die bisher glücklose Regierung bis zum Ende ihrer Legislaturperiode ziemlich ausgelastet wäre. Stellt sie sich diesen Aufgaben, könnte sie dereinst in die Geschichte doch noch als eine Regierung eingehen, die nicht komplett nutzlos war, sondern sogar einen entscheidenden Schritt zur Modernisierung der Industriegesellschaft und in eine klimafreundliche Zukunft gemacht hat. Das wäre doch ein lohnendes Ziel, das den notwendigen Streit über den richtigen Weg wert wäre.

Die Angst, dass Deutschland künftig Atomstrom aus dem Ausland importieren müsste, ist ziemlich unbegründet. Seit Jahren wird Strom aus Deutschland exportiert, im Sommer vor allem in das Atomland Frankreich, weil dort die Flüsse nicht genug Kühlwasser führen. Die Abschaltung der Atomkraftwerke bietet die Chance, den Ausbau der erneuerbaren Energien schneller voranzutreiben. Außerdem würde es Deutschland zwingen, effizienter zu werden, also den Energieverbrauch zu senken. Da ist Deutschland nicht richtig schlecht, aber eben auch nicht gut. Das Potenzial ist groß, der Klimanutzen hoch, die Kosten relativ gering und nebenbei macht mehr Energieeffizienz die deutsche Wirtschaft auch noch international wettbewerbsfähiger. In beiden Feldern, Energieeffizienz und erneuerbare Energien, sind schon viele zukunftsfähige Jobs entstanden. Es könnten noch viel mehr werden.

Es stimmt schon, dass der Wandel nicht von allein kommt. Dazu gehört auch ein zukunftsfähiges Stromnetz. Allerdings muss das Höchstspannungsnetz dafür nicht um 3600 Kilometer vergrößert werden, wie es Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) behauptet. Er bezieht sich auf eine Studie, in der die Netzbetreiber ihren Wunschzettel aufgeschrieben haben. Tatsächlich gibt es aber keine Diskussion darüber, welches Stromnetz für eine zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeiste Versorgung notwendig ist. Diese Debatte ist besonders dringlich. Wenn es Schwarz-Gelb mit ihrer Energiewende ernst ist, müsste Merkel wieder Klimakanzlerin werden. Machte sich Deutschland auf den Weg, hätte das weltweit Signalwirkung.

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