Meinung : Die Austreibung

Der Vatikan verweigert Homosexuellen das Priesteramt und den Ordensberuf

Thomas Lackmann

Kalte Füße? Bereits am 31. August dieses Jahres hatte der neue Papst die Instruktion über Priesterausbildung, Ordensnoviziat und Homosexualität approbiert. Am 4. November ist das Dokument der vatikanischen Kongregation für katholische Erziehung in Kraft getreten. Doch steht eine offizielle Veröffentlichung immer noch aus, nur die italienische Version kursiert im Netz. Man zögert. Mit diesem Erlass scheint ein Ende der hippen Papamania Anno 2005 absehbar.

Die Instruktion stellt sich in den Kontext römischer Verlautbarungen seit dem Konzil. Für das Priestertum und den Ordensberuf müsse der Kandidat menschliche Reife erreichen, zu korrekten Beziehungen mit Männern und Frauen und geistlicher Vaterschaft fähig sein. Dieser Anforderung ständen nicht nur sündhafte homosexuelle Akte entgegen, sondern auch homosexuelle Neigungen.

Eine solche „objektive Unordnung“ der eigenen Konstitution sei von den Betroffenen als „Prüfung“ und „Kreuz“ zu verarbeiten, von Anderen mit Respekt und „delicatezza“ zu behandeln, ohne Diskriminierung. Auch die Kirche respektiere „die in Frage stehenden Personen“. Sie müsse aber nicht nur praktizierende Schwule von der Aufnahme in Seminarien und Noviziate abhalten, sondern auch – hier betritt die Instruktion disziplinäres Neuland – Personen mit homosexuellen Neigungen und Befürworter einer „cultura gay“. Wo nur ein adoleszentes Übergangsproblem anzunehmen sei, könne die Probezeit eines dreijährigen Diakonates Läuterung bringen. Verantwortlich für seine Ausbildung sei dabei zuerst der Kandidat selbst: Eine Verheimlichung vor seinen Oberen widerspreche dem „Geist der Wahrheit“.

Darf die Kirche das? Sie darf mehr, als eine Gesellschaft sich vorstellen mag, die von ihr nur politisch korrekte Tröstung und Affirmation erwartet. Sie darf ein biblisch begründbares Bild vom Menschen, der als Mann und Frau geschaffen und einander zugeordnet sei, propagieren, auch wenn soziologische Realitäten dem widersprechen. Sie darf Ideale wie radikale Nächstenliebe, unauflösliche Hetero-Einehe oder den Verzicht auf dieselbe um des Himmelreiches willen verkünden; ohne Ideale wäre sie überflüssig. Sie muss allerdings, als Volkskirche, solche provokanten Utopien in Sprache und Erfahrung von heute übersetzen. Sie darf sogar, nach bestem (Ge-)Wissen, bestimmen, wer ihre Ämter bekleiden soll. Eine Demokratie ist die Kirche nicht. Sie müsste aber in Theorie und Praxis glaubwürdig machen, dass der Ausschluss bestimmter Personengruppen von ihren Ämtern keine Diskriminierung darstellt. Das muss man theologisch und kommunikativ erst mal hinkriegen.

Mit der Ordinationsverweigerung für Homosexuelle, denen der liebe Gott die zölibatskonforme Sublimation ihrer Geschlechtlichkeit eigentlich ebenso gewähren könnte wie dem frommen Hetero, bringt sich Rom nun zusätzlich in die Bredouille. Wie viele Heilige werden postum abqualifiziert, wie viele Amtsträger von heute deklassiert? Früher brauchten Krüppel und Konvertiten einen Weihe-Dispens: Nur die Besten sollten Priester werden. Heute argumentiert man zu Gunsten der Seelsorge.

Doch das Motiv dieser Austreibung ist die Angst vor klerikalen Wirklichkeiten. In der Schwulenszene, wo mancher am Zeremonienzauber der Fa. Wachs & Weihrauch ästhetischen Genuss findet, wird man sich totlachen über diesen Kraftakt der Verdrängung, die Verdammung der „cultura gay“. Benedikt und seine schwulen Schäfchen werden es erst mal schwer haben miteinander. Freilich ist eine Instruktion kein Dogma, keine Enzyklika. Die Kirche entdeckt das Thema und spricht drüber, das ist auch gut so. Der Rest ist: „Prüfung“.

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