Die Bahn : Für alles gerüstet

Für "Schnee" gab es in dem geheimen "Lenkungskreis Qualitätsinitiative" der Bahn ein geheimes Codewort, es heißt "Sondersituation".

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Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Es gab, außer der Sache von Wikileaks, in letzter Zeit noch andere Enthüllungen. Es wurde bekannt, dass sich ein Team, bestehend aus den 20 wichtigsten Bahnmanagern, seit Januar 2010 regelmäßig im 25. Stock des Berliner Bahn-Towers trifft. Seit Januar 2010 bereiten sie sich auf den Winter 2010/2011 vor, der zur Zeit stattfindet. Sie nennen sich „Lenkungskreis Qualitätsinitiative“. Sie wollten verhindern, dass es, wenn Schnee fällt, wieder ein Chaos gibt. Für „Schnee“ gab es in dem geheimen Lenkungskreis ein geheimes Codewort, es heißt „Sondersituation“. Wenn es im Winter schneit, sagen sie: „Wir haben eine Sondersituation. Die Sondersituation ist da.“ Dies alles wurde bekannt, weil ein Reporter der „Welt“ an einer Sitzung des Lenkungskreises Qualitätsinitiative teilnehmen durfte.

Offenbar gibt es an der Bahnspitze Meinungsverschiedenheiten darüber, was eigentlich der Kern des Problems ist, also, weshalb es häufig ein Chaos gibt, wenn die Sondersituation Schnee eintritt. Strategiechef Ralph Körfgen sagt, laut „Welt“: „Da ist ein Fehler im System Schiene.“ Bahnvorstand Ulrich Homburg dagegen stellt eine völlig andere Diagnose: „Da ist ein Problem in den Köpfen.“ Trotzdem wurden mehrere Maßnahmen beschlossen. Zum Beispiel werden in diesem Winter, wenn die Züge sondersituationsbedingt nicht fahren, die Warteräume nicht mehr geschlossen. Bisher war es so: Schnee fiel, Züge fielen aus, die Warteräume wurden aber trotzdem pünktlich zugesperrt. Dies hat bei kälteempfindlichen oder einfach nur reizbaren Bahnkunden gelegentlich zu Missmut geführt. Eine andere Maßnahme besteht darin, dass die Lautsprecheransagen verkürzt werden. Wenn ein Zug ausfällt, hat eine Ansage – das hat die Bahn wissenschaftlich ermitteln lassen – im Durchschnitt 174 Wörter. In Zukunft sollen es nur noch 80 Wörter sein. 450 Bahn-Mitarbeiter werden seit einiger Zeit darin geschult, 80 Wörter lange Ansagen zu machen. Das ist nicht einfach. Deshalb wird, wie im Lenkungskreis zur Sprache kam, die 80-Wörter-Ansage erst im Winter 2011/2012 Realität werden.

Es wurden aber auch, so die „Welt“, die „Enteisungsanlagen aufgerüstet“. Historiker wissen: Wenn in Deutschland aufgerüstet wird, endet dies immer in einer Katastrophe. In Frankfurt am Main blieb folglich vor ein paar Tagen ein ICE die ganze Nacht wegen einer betriebsbedingten Störung stehen. Weil Messe war, gab es keine Hotelzimmer, einige hundert Passagiere schliefen betriebsbedingt im Zug. Die Bahn-Manager selbst fahren, wie die Kundenorganisation „Pro Bahn“ behauptet, niemals Zug. Sie fliegen oder fahren Taxi. Eine so komplexe, zeitintensive Aufgabe wie der „Lenkungskreis Qualitätsinitiative“ lässt sich anders nicht bewältigen. Taxis fahren immer.

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