Die Banalität der Bösen : Der RAF-Prozess hat falsche Erwartungen geweckt

Der Prozess gegen Verena Becker hat viele Beobachter und Beteiligte enttäuscht - und das ist gut so. Denn der Vorsatz, mit einem Strafprozess Geschichte zu schreiben, ist unvernünftig und fehlgeleitet.

von
Verena Becker, RAF-Unterstützerin muss vier Jahre ins Gefängnis.
Verena Becker, RAF-Unterstützerin muss vier Jahre ins Gefängnis.Foto: reuters

Es ist zu Ende, die Revolution blieb aus. Ein halbes Jahrzehnt lang hat sich die deutsche Öffentlichkeit mit dem Mord an Siegfried Buback beschäftigt, ein Geschehen, das mehr als 30 Jahre zurückliegt und nun in den Prozess gegen Verena Becker mündete. Das Urteil, obgleich ein Schuldspruch, macht viele ratlos, es reiht sich ein in die Geschichte der ungesühnten oder nur halb gesühnten Taten der RAF. Wer Buback tötete, weiß man immer noch nicht.

Es fiele leicht, die Mängel wahlweise einer bockigen Justiz, der schweigenden Angeklagten oder dem ewig verschwörerischen Verfassungsschutz anzulasten. Doch sind die Gründe für große Enttäuschungen meist zu hohe Erwartungen. Michael Buback, Sohn des Opfers, hat sie geschürt, indem er behauptete zu wissen, wer schoss. Anklage und Gericht trugen dazu bei, indem sie Becker zunächst – obwohl es unhaltbar war – Mittäterschaft vorgeworfen hatten und ihren Prozess als Reminiszenz an vergangene Zeiten im totalitären Betonklima von Stuttgart-Stammheim starten ließen.

Vor allem aber ist es die Bereitschaft, die RAF noch immer für etwas zu halten, was sie nie war: eine revolutionäre Guerilla, die über Leichen gehen musste, um ihre Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit hochleben zu lassen, eine alles in allem politische Veranstaltung. Das ist ein Mythos, der mit der offenkundigen Selbstüberhebung der Täter korrespondierte, die in sich alles Mögliche erkannten, nur nicht die verirrten gewalttätigen Kriminellen, die sie waren.

Video: Vier Jahre Haft für Becker

Gewiss, es waren andere Zeiten, Vietnam, der Kalte Krieg, das Ineinanderfließen von NS-Vergangenheit und BRD-Wiederaufbauwunder, für das die Parteimitgliedschaft Siegfried Bubacks eine Chiffre war. Aber für das, was folgte, gibt es weder politische Erklärungen noch menschliche Entschuldigungen. Es war Mord, und man sollte eigentlich nicht hinzufügen müssen: an Unschuldigen.

Dafür legte der Prozess gegen Verena Becker ein beredtes Zeugnis ab. Zu verhandeln war gegen eine Frau, für die die RAF die erweiterte Jugendgang war, die ihr brüchiges Dasein stabilisierte. Sie dankte es mit rückhaltloser Treue und rücksichtsloser Gewalt. Dem Mord an Buback, von ihr selbst bis heute als „Aktion“ bemäntelt, fehlte das politische Motiv. Es ging um Rache und Gehorsam gegenüber den in Stammheim Inhaftierten. Enthemmt haben dürfte die Täter weniger das Streben nach der besseren Welt als die Faszination ihrer Selbstermächtigung. Wenn das Politik sein soll, wäre ein Anders Breivik kein Massenmörder, sondern Avantgarde.

Die Terroristen der RAF:

RAF-Terroristen
Birgit Hogefeld wird 1956 in Wiesbaden geboren und zählt zur sogenannten "dritten RAF-Generation". Hogefeld soll an der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental und bei dem Anschlag auf die US-Airbase im August 1985 Mittäterin gewesen sein. Sie wird nach einer Schießerei im Juni 1993 in Bad Kleinen festgenommen und wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 2007 und 2010 lehnt Bundespräsident Köhler Gnadengesuche Hogefelds ab. Seit 2009 ist sie als Freigängerin im offenen Vollzug. Im Juni 2011 hat Hogefeld 18 Jahre ihrer Strafe verbüßt und ihre Entlassung wird angekündigt. Bei der Entscheidung wird berücksichtigt, "dass sich die Verurteilte in deutlicher Form von der RAF losgesagt und ihrerseits die persönliche Verantwortung für die von der damaligen RAF begangenen Straftaten übernommen hat". Die Reststrafe wird zur Bewährung ausgesetzt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: dapd
10.06.2011 16:14Birgit Hogefeld wird 1956 in Wiesbaden geboren und zählt zur sogenannten "dritten RAF-Generation". Hogefeld soll an der Ermordung...

Heute lebt das zerbrochene Kollektiv vom Sozial- und Rentenstaat, Verena Becker bildet mit ihrer zurückgezogenen Existenz und ihrer gewiss beschädigten Psyche, mit der sie ihr Heil in Okkultem sucht, eher den Muster- als den Ausnahmefall. Man würde wohl ihre Kräfte überschätzen, wenn man erwartet, dass sie nun andere belastet.

Mit etwas Realitätssinn wird man feststellen müssen, dass ein solcher Prozess kaum mehr leisten konnte, als er erbracht hat. Er war keineswegs überflüssig. Sollten neue Indizien gegen alte oder neue Beschuldigte auftauchen, wird die Justiz wieder einen ähnlichen Anlauf nehmen müssen. Dann vielleicht unter nüchterneren Vorzeichen, ohne feuilletonistisch verbrämte Revolutionsdeuterei und den festen Vorsatz, Geschichte zu schreiben. Ein Strafprozess wird in den seltensten Fällen geführt, um historische Lücken zu schließen. In ihm wird das Böse bestraft, in seiner ganzen Banalität.

12 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben