Die Berlinale : Magie des Augenblicks

Filmfestivals sind Parallelwelten. Zehn Tage fremdes Leben, fremde Länder, Partys, Panels, Pulks am roten Teppich. Hinterher reibt man sich die Augen: Was war denn sonst so los in der Welt?

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Filmfestivals sind Parallelwelten. Zehn Tage fremdes Leben, fremde Länder, Partys, Panels, Pulks am roten Teppich. Hinterher reibt man sich die Augen: Was war denn so los in der Welt?

Die 61. Berlinale wird in der Chronik der Filmfestspiele einen besonderen Platz einnehmen – weil die Parallelen sich berührten. Der Goldene Bär für den Iraner Asghar Farhadi beschließt das Festival in der gleichen Stunde, in der Außenminister Westerwelle in Teheran landet, kurz nachdem die beiden deutschen Reporter freigekommen sind.

Wenn Politik, Fantasie und Glamour synchron gehen, wenn der Festivalplanet und die wirkliche Welt ihre Bahnen kreuzen, sind das kostbare, magische Momente. Es gab sie schon am ersten Festivaltag. Nachmittags der rote Teppich für das abwesende Jury-Mitglied Jafar Panahi, ein Staraufgebot als Solidaritäts-Happening für den im Iran verurteilten Filmemacher, und abends die Nachricht vom Sturz Mubaraks. Ein paar Tage später – auch im Jemen, Syrien, Bahrein und Iran wird jetzt demonstriert – feiert Farhadis Film Premiere, eine Innenansicht aus der Unruhezone. „Nader und Simin“ erzählt von eben jenen Menschen, wie sie in Teheran auf die Straße gehen, von der Zerrissenheit zwischen überkommenen Werten und der Sehnsucht nach Freiheit. Der Goldene Bär geht an ein erschütterndes Drama über den sozialen Sprengstoff, den der arabische Aufbruch in die Moderne in sich birgt: Wer den Film gesehen hat, der begreift die Tagesschau anders.

Ähnliches war schon 2003 geschehen, als der Goldene Bär für Michael Winterbottoms „In This World“ verkündet wurde und rund um das Berlinale-Gelände eine halbe Million Menschen gegen den Irakkrieg protestierten. Kein Festivaldirektor kann solche Momente herstellen. Sie sind ein Geschenk, nicht des Zufalls, sondern der Filmkünstler an jene, die offen sind für Unruhe auch im eigenen Kopf. „Ich lasse mir das Träumen nicht verbieten“: Jafar Panahis mutige Grußbotschaft wurde zum Motto der Filmfestspiele.

Solche Welthaltigkeit steckt an. Harry Belafonte im Friedrichstadtpalast und Sean Penn – nicht bei der Berlinale, aber bei „Cinema for Peace“ – nutzten ihre Berliebtheit, die Macht über die Herzen ihrer Fans, um deren Blick auf die Ohnmächtigen zu lenken. Auf alle, denen das Träumen ebenfalls verwehrt ist.

Die magischen Momente verlieren trotz eines schwachen Wettbewerbs nicht an Strahlkraft. Aber sie lassen die vielen Geschichten über wohlsituierte, entfremdete Existenzen verblassen. Die Belanglosigkeiten aus unseren Breitengraden haben etwas Beschämendes. Keine Frage, Filmfestivals sind auch Spektakel. Auch das gab es in diesem Jahr, etwa im Berlin-Thriller „Unknown“. Es gibt Länder, in denen ist so ein Spaß nicht erlaubt. Man muss ihn verteidigen, gegenüber jedem Regime, das ihn den Leuten verwehrt.

Es war auch eine Berlinale der technischen Revolution, mit vier 3-D-Beiträgen und einer Rekordzahl digitaler Filme. Aber da ist die Revolution in Ägypten, die Unruhe im Iran – und die Wahrnehmung verschiebt sich. Zu Hause sieht man fern, das Kino schafft Nähe, sei es zu den tapferen Frauen in Teheran oder zur Generation Facebook, die sich überall auf der Welt mit dem Erbe ewiggestriger Gesellschaften herumschlagen muss. Ist es nicht zweitrangig, ob sie analog, digital oder dreidimensional im Kino zu sehen sind?

Man reibt sich die Augen. Ja, es ist wirklich was los in der Welt.

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