Meinung : Die Berliner Grünen: Gemütlich ins Desaster

Bernd Ulrich

Nie gab es in Berlin so viele Koalitionsmöglichkeiten. Eine Farbkombination jedoch ist ausgeschlossen: schwarz-grün. Dafür seien die Parteien zu verschieden, heißt es. Das mag aus den geschlossenen Räumen von CDU und Grünen so aussehen. Von außen betrachtet verblüfft eher die groteske Ähnlichkeit: Beide Berliner Landesverbände scheinen fest entschlossen, im Namen von Kiez und Klientel in eine Wahlniederlage zu gehen. Und es macht offenbar weder den Berliner Grünen noch der CDU etwas aus, dass sie dabei ihre Bundesparteien mit ins Verderben ziehen.

Zum Thema Online Spezial: Machtwechsel in Berlin Nach der Union legen sich heute auch die Grünen fest: Sibyll Klotz soll Spitzenkandidatin werden. Andrea Fischer, Cem Özdemir oder auch Michaele Schreyer - das sind die Namen, die noch im Spiel waren -, sie müssen hinter die lokale Kandidatin zurücktreten. Kaum zu glauben, dass sich die Berliner Grünen der vollen Dramatik ihrer Situation und der ihrer Bundespartei bewusst waren, als sie sich auf diesen Weg begaben.

Sibyll Klotz ist eine redliche Politikerin, so wie auch Wolfgang Wieland, Michael Cramer und all die anderen, die lange, lange die Große Koalition oppositionell begleiteten und dabei über dem Brett erstarrte Mitspieler der Berliner Verhältnisse wurden. Nur spielen Redlichkeit oder regionalpolitische Tauglichkeit für Grüne im Wahlkampf keine Rolle. Denn all diese Politiker werden in dem Dreikampf zwischen CDU, SPD und PDS, zwischen Steffel, Wowereit und Gysi nicht zu Wort kommen, sie werden Wahlkampf machen im schalltoten Raum.

Der Wahlkampf wird sich in Berlin auf drei Ebenen abspielen: 1. Fun & Flair. Da haben diese Grünen nichts beizutragen, was Gregor Gysis Showbizz nahe käme. 2. Kalter Krieg. Die ideologische Schlacht wird zwischen den drei linken Parteien und der CDU darum gehen, wer die Stadt spaltet. Unter den drei linken Parteien wiederum wird es darum gehen, wer am effektvollsten auf die CDU haut. Auch hier ist der Ausgang klar: Dieser Teil des Wahlkampfes nützt am meisten der PDS, vielleicht der CDU, gewiss nicht den Grünen. 3. Ernst & Etat. Alle Parteien werden den großen Gesang von den Sorgen und Nöten der Berliner, von der heiligen Notwendigkeit des Sparens anheben. Am wirksamsten dürfte das Klaus Wowereit gelingen, weil er sowohl vom Sparen reden wird, als auch augenzwinkernd Milliarden vom Genossen Kanzler in Aussicht stellen kann. Die Grünen aber haben ihre Sparkommissarin nach Brüssel entlassen und wollen sie nicht zurückholen.

Sie werden also nicht zu hören sein. Und wenn - wen sollte es interessieren? Konzepte sind eben nur in Machtnähe relevant. Die Grünen aber werden in einer rot-rot-grünen Koalition keine große Rolle spielen können, sie würden, bayerisch gesagt, die Adabeis der Macht.

Der wahre grüne Alptraum bei dieser Wahl jedoch wird Gysi in seiner ganzen Leibhaftigkeit. Denn im grünen Wählermilieu hat sich in den letzten Jahren eine solche Wut über die restlose Realoisierung der Partei aufgestaut, dass man jetzt endlich einmal jemanden wählen wird, für den links und lustig, radikal und machtorientiert keine Gegensätze zu sein scheinen. Wenn die Grünen nicht noch etwas Sensationelles tun, dann werden mehr AL-Wähler zur Urne gehen als je zuvor - und die meisten von ihnen werden Gysi wählen. Außer vielleicht die Szene-Schwulen. Die wählen Wowereit.

Diese deprimierende Ausgangslage lässt sich nur durch andere Personen an der Spitze verbessern, solche, die von sich aus prominent und glänzend genug sind, um den Konkurrenten auf Augenhöhe zu begegnen. Andrea Fischer könnte Kürzungen mit Herz verkaufen. Michaele Schreyer verkörperte einen durch ihre EU-Rolle gesteigerten finanzpolitischen Sachverstand. Und Cem Özdemir könnte als multikulturelles Zugpferd selbst einen Gysi provinziell aussehen lassen. Doch scheint der Berliner Landesverband etwas zu fremdenfeindlich, um ihn zu holen. Man hat natürlich nichts gegen Türken, eher etwas gegen Schwaben.

Es läuft also alles auf eine derbe Wahlniederlage der Grünen in ihrer Hochburg hinaus. 9,9 Prozent hatte die Partei. Wenn sie nur drei Prozent verliert, kann sie sich glücklich schätzen. Damit allerdings würde das Berliner Ärgernis zu einem Problem für die Bundespartei. Die 16. Niederlage in Folge, noch dazu in der Hauptstadt und Hochburg, würde eine Negativdynamik auslösen, die kaum noch zu stoppen ist. Und bei der Bundestagswahl werden die Grünen zwischen FDP und der PDS, die sie selbst erst stark gemacht haben, zerrieben.

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