Meinung : „Die Bilder sind entwürdigend“

Claudia Keller

Zeit, um seine Worte lange abzuwägen, bleiben Ayyub Axel Köhler im Moment nicht. Was er zu den Karikaturen sage? Wie fühlen sich die deutschen Muslime? Kamerateams belagern seine Kölner Wohnung, die Telefonleitung ist besetzt. Vor zwei Tagen wurde der 67-jährige Wissenschaftler, der gerne in Anzug und Fliege auftritt, zum Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime gewählt. Der Zentralrat ist neben dem Islamrat und der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ der dritte Spitzenverband der 3,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime. Er dürfte vielleicht 20 000 Mitglieder haben.

Köhler tat erst mal das, was auch sein Vorgänger Nadeem Elyas getan hätte. Er versuchte zu beschwichtigen: Die Muslime in aller Welt „sollten sich nicht provozieren lassen“, Gewalt sei außerdem unislamisch. Gleichwohl sind Glaubensdinge für Ayyub Axel Köhler nichts, worüber es etwas zu lachen gäbe. Die Karikaturen hält er für „blasphemisch, beleidigend und entwürdigend“. Denn anders als Muslime, Christen und Juden, denen die Religion in die Wiege gelegt wurde und später nurmehr eine papierne Zugehörigkeit bedeutet, hat sich Köhler mit 25 Jahren bewusst für den Islam entschieden. Da studierte er Geowissenschaften in Freiburg, wohin er aus Halle an der Saale geflüchtet war. Bei den Schwaben habe er sich selbst als Deutscher als Ausländer gefühlt, hat er einmal gesagt. Da sei er schnell mit muslimischen Studenten in Kontakt gekommen. Als er sich mehr mit dem Islam beschäftigte, stellte er fest, „dass ich eigentlich schon ein Muslim bin“. Auch seine Eltern hätten Probleme mit dem komplizierten christlichen Glauben an die Dreieinigkeit Gottes gehabt. Den Islam habe er „als eine aufklärerische Religion kennen gelernt, in der Vernunft und Wissen eine der Grundlagen“ ist.

Seit 20 Jahren ist Köhler mit einer türkischstämmigen Germanistin verheiratet, ebenso lang engagiert er sich für die Rechte der Muslime und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Zentralrats. Er hält Vorträge bei Vereinen und an Universitäten, verteidigt das Recht aufs Kopftuch und kämpft für den Zusammenschluss muslimischer Verbände zu einem Spitzengremium. Ob die deutschen Muslime in der jetzigen, aufgeheizten Atmosphäre ausgerechnet einen Konvertiten als obersten Repräsentanten anerkennen, ist fraglich. Aber Köhler weiß, dass das politische Geschäft „einen langen Atem“ braucht. Das schützt vor Enttäuschungen.

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