Meinung : Die Börse im Sommer: Hoch im Kurs sind nur Gerüchte

Heik Afheldt

Es war nicht mehr als ein inzwischen dementiertes Interview, aber der Termin für den nächsten Börsencrash ist in aller Welt. Der 7. August ist der Tag, an dem Albert Edwards, "globaler Chefstratege" bei der Dresdner Kleinwort Wasserstein, erst die New Yorker und dann die übrigen Weltbörsen erbeben sieht - mit einem Kurseinbruch von mehr als 20 Prozent. Und damit dieser Prophet nicht in den Verdacht kommt, seine Stimme nur zu erheben, um die lahmenden Geschäfte seines Hauses zu fördern, legte er plausibel klingende Begründungen nach: Die US-Konjunkturdaten würden neu berechnet und dabei am 7. August verraten, dass es mit der amerikanischen Konjunktur in den vergangenen Jahren gar nicht so prächtig gelaufen sei. Nun zeige sich, dass die Produktivität viel weniger stark gewachsen sei als immer verkündet. Das inflationsfreie Wachstumspotenzial in den USA liege deshalb nur bei 2,5 statt bei angenommenen 3,5 Prozent. Also werde Alan Greenspan sich hüten müssen, die von vielen noch vor Herbst erwartete weitere Zinssenkung zu beschließen. Und das wiederum sei schlecht für die Aktienkurse.

Nun mag der Mann mit seiner Crash-Prognose völlig falsch liegen, mit seiner Prophezeiung steht er bislang allein auf weiter Flur. Aber das große Echo sagt viel über das Wesen der Börsen in diesen Zeiten. Seitdem es dort nicht mehr Sitte ist, in erster Linie auf die fundamentalen Daten der Volkswirtschaften und der Unternehmen zu schauen, seitdem sogar altehrwürdige Firmen in wenigen Tagen nur noch einen Bruchteil ihres Wertes haben und viele unseriöse Neulinge ihren Kapitalgebern das ganze Geld vernichten, haben sich Nervosität, Gerüchte und Aktionismus breitgemacht. Und da ist jeder "globale Stratege" für eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gut.

Es fehlen Stimmen, die auf ein maßvolles Verhalten dringen. Kurspflege scheint ein Begriff aus einer ganz verstaubten, romantischen Welt zu sein. Viele Menschen lernen Marktwirtschaft ja nicht im KaDeWe oder auf dem Gemüsemarkt, sondern zunehmend auch an den Wertpapierbörsen. Sie erleben dort die Rationalität des Irrationalen: ein weites Feld für Psychologen und Parapsychologen. Eben Spielcasino, nur mit dem Unterschied, dass an den Börsen immer irgendwer einen heißen Tipp hat, die schwarze Sieben zum Beispiel.

Dabei hätte dieser Sommer nicht nur hohe Temperaturen zu bieten gehabt, sondern auch gute Chancen für einen deutlichen Kursanstieg - für die oft erlebte Sommer-Rallye. Warum bleibt sie im Jahr 2001 offenbar aus? Gewiss, keiner hat dafür bislang den Startschuss gegeben. Aber es gibt dazu auch keinen Grund. Schröders reformerische Wirtschaftspolitik sei in den Anfängen stecken geblieben, das lesen wir täglich. Andererseits heißt es auch, die deutsche Konjunktur lahme in Einklang mit den USA und der übrigen Welt. Ist sie also nicht nur hausgemacht? Nein, aber die deutsche Wirtschaft hat Europa auch nicht kräftig nach oben gezogen, wie sie es früher vermochte. Und damit fehlt das konjunkturelle Gegengewicht zum amerikanischen Einbruch.

Die Schuld daran darf man nicht nur der Politik anlasten. Wirtschaft, so heißt es doch zu Recht, findet in der Wirtschaft statt. Und was erleben wir da: Siemens macht in einer Sparte Milliardenverluste. Die Telekom schreibt im eigentlichen Geschäft deutlich rote Zahlen. Die Deutsche Bank hat nun plötzlich Kostenprobleme. Die Gewinne schmelzen dahin. Kein Stoff, aus dem Sommerträume und Sommer-Rallyes gewoben werden. Aber mindestens ein Grund zum Staunen: Da werden Strategien verkündet und Gewinnziele gesetzt, die mit der realen Wirtschaft wenig zu tun haben. Ehrgeizlinge sitzen auf den großen Elefanten und übersehen von ihrem hohen Sitz aus, dass der Weg niemals gerade aufwärts, sondern immer mal wieder um die Kurve und nach unten geht.

Diese Herrschaften haben nicht nur Kostenprobleme, sie haben Probleme mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie haben keine taugliche Strategie, die flexible Antworten auf die konjunkturellen und strukturellen Unebenheiten anböte. Wäre sie vorhanden, kämen auch die Kurse nicht in solch extreme Schwingungen - und die Crash-Propheten wären keine Zeile wert.

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