Meinung : Die Bologna-Fraktion

Europa soll ein gemeinsamer Hochschulraum werden – scheitert das an Deutschland?

Anja Kühne

Kein Model mag andere Models, sagt der Modemacher Joop. Ähnlich denken Europas Hochschulen voneinander. Jede hält sich selbst für einzigartig. 90 Prozent der Studenten haben deshalb nach einem Semester im Ausland Schwierigkeiten, ihre Leistung von der Uni zu Hause anerkannt zu bekommen. Überall herrschen andere Vorstellungen davon, was hohe Qualität wirklich ist.

Die europäischen Bildungsminister wollen die Sterne vom Himmel holen. Vor vier Jahren haben sie einander in Bologna versprochen, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen, in dem sich grenzenlos studieren und forschen lässt. In Berlin ziehen sie heute und morgen eine Zwischenbilanz des „Bologna-Prozesses“. Sie muss gemischt ausfallen. Sicher, manche Länder sind schon auf dem Weg nach Bologna. Und für die Attraktivität des Ziels spricht, dass sich ihnen sieben weitere Länder anschließen wollen, darunter Russland.

Andererseits kommt die europäische Stimmung der Bildungsminister dort nicht so recht an, wo die Reform stattfinden muss – in den Hochschulen. Um europäisch zu werden, müssen die Dozenten und Verwaltungen von Lissabon bis Warschau die Studiengänge überdenken oder sogar völlig neu gestalten, so dass man überall mit Bachelor und Master abschließen kann – ein Kraftakt, vor dem viele zurückscheuen. Dabei ist der gemeinsame Hochschulraum nach der Einführung des Euro und des Binnenmarktes nur konsequent. Im Wettbewerb auf dem globalen Bildungs- und Forschungsmarkt tut Europa sich selbst keinen Gefallen, wenn es seine Kräfte an bürokratischen Hürden verschleißt und der übrigen Welt den abschreckenden Eindruck eines Durcheinanders an Abschlüssen bietet.

Damit Bologna gelingen kann, müssen sich große Länder an die Spitze der Bewegung setzen, zum Beispiel Deutschland. Aber erst 3,5 Prozent aller deutschen Studenten studieren in den neuen Studiengängen. Nur noch sieben Jahre bleiben bis zur flächendeckenden Umstellung. Was, wenn das nicht klappt? Für Deutschland geht es im BolognaProzess um besonders viel. Es soll sich von seinen alten einstufigen Abschlüssen Diplom und Magister verabschieden. Das ist die größte Reform seit 30 Jahren. Sie bietet die Chance, mit den alten Mängeln aufzuräumen: den langen Studienzeiten, den vielen Abbrechern, der Praxisferne.

Doch mehrere Bundesländer zögern und gefährden damit den Erfolg der Reform. Wenn die alten Studiengänge neben den neuen weiterlaufen, wird das nicht nur viel Geld kosten. Sondern die Studenten werden auf Sicherheit setzen und nichts Neues wagen, gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Erst recht, solange viele Arbeitgeber im Bachelor-Abschluss nur eine bessere Zwischenprüfung sehen. Im Frühjahr hat Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn deshalb gewarnt, die Reform könne scheitern.

Natürlich lassen sich die Einwände der Skeptiker nicht einfach abtun. Es stimmt nachdenklich, wenn der Stifterverband von 90 akkreditierten, also TÜV-geprüften neuen Studiengängen nur vier für gut hält. Der neue Bachelor-Abschluss wird nur dann keine minderwertige Ware sein, wenn die Betreuung dort wirklich besser ist als heute. Doch die Länder sparen bei den Unis.

Wenn Bologna in Deutschland nicht scheitern soll, müssen die Bundesländer diejenigen Hochschulen finanziell belohnen, die die Reform beherzt angehen. Belohnt werden müssen auch die Professoren und Mitarbeiter, die die Kärrnerarbeit dabei leisten. Umgekehrt sollten den Unis und Dozenten Mittel gekürzt werden, die nicht mit anpacken. Deutschland braucht eine starke BolognaFraktion, und Bologna braucht Deutschland.

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