Meinung : Die Bürger werden wichtiger

Terror in Moskau: Was Russland aus der Geiselnahme im Musicaltheater gelernt hat – und was nicht

Christoph von Marschall

Diesmal ging es gnädig aus. Wenn man bedenkt, was zwei Explosionen mitten in einem Rockkonzert mit 40 000 Besuchern hätten anrichten können, dann sind 15 Tote und rund 50 Verletzte … – ja, wie soll man das nennen? Hat Russland gelernt aus dem Drama im Musicaltheater im Oktober, oder hat es einfach nur Glück gehabt?

Damals ging dieses Bild von Putins Reich um die Welt: schlecht organisierte Sicherheitskräfte, die wenig zur Vorbeugung gegen Terror tun und bei der Erstürmung keine Rücksicht auf das Überleben der Geiseln nehmen; ein Staat, der nicht genug medizinische Nachsorge bereitstellt, so dass viele „Befreite“ an Gasvergiftung starben; und der die wahren Abläufe verschleiert, ja systematisch desinformiert. Ein Land, in dem der starke Staat alles und der Bürger fast nichts gilt.

Diesmal war es offenbar der Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte zu verdanken, dass die beiden Selbstmordattentäterinnen erst gar nicht auf das Konzertgelände gelangten. Ein Zeichen für ein verändertes Russland, in dem nicht nach kurzer Aufregung bald wieder der alte Schlendrian einkehrt? Zudem sagen die Behörden, sie hätten das Konzert absichtlich nicht abgebrochen, um eine Massenpanik zu verhindern. Man möchte das gerne glauben, auch wenn sich da manche Frage stellt. Durften die Behörden denn davon ausgehen, dass nicht weitere Terroristen bereits auf dem Gelände sind? So oder so zeigt die Erklärung einen Fortschritt: Dieser Staat will sich zumindest so darstellen, als stehe die Sicherheit der Bürger an erster Stelle.

Und die Informationspolitik? Glasnost wird auch heute nicht groß geschrieben. Möglichst keine Bilder von Opfern in den (vom Kreml kontrollierten) Fernsehkanälen, sichtbare Spuren auf der Straße werden schleunigst beseitigt. Präsident Putin täte am liebsten so, als sei nichts vorgefallen. Er befindet sich bereits im Vorwahlkampf, und das gleich doppelt: in Moskau und im Kaukasus. Im Dezember stehen russische Parlaments- und spätestens im März 2004 Präsidentschaftswahlen an. Am 5. Oktober will Putin auch die Tschetschenen einen Präsidenten wählen lassen; vor einigen Wochen hatte er bereits eine Moskau genehme Verfassung für die Kaukasusrepublik in einem fragwürdigen Referendum absegnen lassen. Die Strategie, zwischen gewalt- oder gar terrorbereiten Tschetschenen und der großen Masse der Bevölkerung zu trennen, indem man der Gesellschaft eine politische Lösung anbietet, ist legitim und richtig. Aber dafür bietet Putin bisher nicht genug Autonomie und kümmert sich zu wenig darum, Mehrheiten für seinen Ansatz zu gewinnen.

Der verstärkte Kampf gegen Terroristen, den er ankündigt, wird das weiter erschweren. Wie auch der jüngste Anschlag eine Verschärfung erwarten lässt. Zwar haben Tschetschenen den Konflikt schon früher mit großer Brutalität ins russische Kernland getragen, etwa bei der Besetzung des Krankenhauses von Budjonnowsk oder der ihnen zugeschriebenen Sprengung Moskauer Wohnhäuser. Aber zweierlei ist neu: der Selbstmordanschlag als Methode, und Frauen als Täter. Weshalb es umso wichtiger wäre, dass Russland tatsächlich alles tut, um seine Bürger zu schützen. Und nicht den starken Staat.

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